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FRAUENFELD: «Moderne Medizin macht Leute älter»

Fast ein Vierteljahrhundert leitete er als Chefarzt die Medizinische Klinik am Kantonsspital. Seit kurzem ist Beat Frauchiger in Pension. Im Gespräch erzählt er von schwierigen Führungsentscheiden, unnützen Formularen und dem Umgang mit Krankheit und Tod.
Viola Stäheli
Beat Frauchiger im Gespräch mit einer Assistentin. (Bild: Reto Martin)

Beat Frauchiger im Gespräch mit einer Assistentin. (Bild: Reto Martin)

Viola Stäheli

frauenfeld@thurgauerzeitung.ch

Viele Ordner sind schon aus den Regalen geräumt. Gefüllte Plastikkisten stehen vor dem Schreibtisch. Das grosse Büro von Beat Frauchiger im Kantonsspital Frauenfeld leert sich.

Herr Frauchiger, wie ist für Sie dieser Abschied?

Ich bin froh, dass ich diese verantwortungsvolle Position in junge Hände übergeben kann. Aber natürlich fällt mir der Abschied schwer, vor allem mein Team und die Betreuung der Patienten werden mir fehlen.

Bleiben Sie dem Kantonsspital Frauenfeld noch erhalten?

Ja, ich werde auch zukünftig als Konsiliararzt einen Fuss in der Medizin haben. Das heisst, dass ich noch etwas am Sprechstunden- und Dienstbetrieb beteiligt bin und zugezogen werde, wenn mein Wissen und Erfahrungsschatz gefragt sind. Die Verantwortung übergebe ich aber wirklich offiziell an meine Nachfolger Andreas Kistler und Peter Wiesli.

Was wird Ihnen aus Ihrem Arbeitsalltag am meisten fehlen?

Das werde ich wohl erst noch merken. Aber sicher wird mir die Arbeit mit den Patienten fehlen. Eine richtige Diagnose stellen, sehen, wie der Patient von der Behandlung profitiert und nach einer schweren Krankheit wieder aufblüht, und die verbundene Dankbarkeit –das zu erleben, ist eine der schönsten Seiten meines Berufes gewesen.

Und was überhaupt nicht?

Die ätzende Administration, vor allem dort, wo ich keinen Nutzen dahinter sehe. Ich bin jetzt so lange in diesem Beruf tätig gewesen, dass ich wirklich glaube, zu wissen, dass es nicht jedes Formular braucht. Ausserdem gehört es zu einer Führungsposition dazu, Konflikte zu lösen. In Konfliktsituationen findet man selten eine absolut perfekte Lösung, und manchmal müssen schlicht und ergreifend einfach Führungsentscheide getroffen werden. Das kann sehr schwierig sein, und ich bin froh, dass ich dies nun nicht mehr tun muss.

Gehen wir zum Anfang zurück: Warum haben Sie sich damals für das Medizinstudium entschieden?

Es war wohl einfach das Interesse daran, wie der Mensch funktioniert. Vor allem das Zusammenspiel von Körper und Psyche, und wie es kommen kann, dass da etwas schief läuft –und natürlich, wie man das wieder richten kann– hat mich fasziniert. Der allerletzte Ausschlag war aber ein zufälliges Ereignis.

Und das wäre?

In der Kanti war ich in der Fussball-Auswahlmannschaft. Als ich gerade ein entscheidendes Tor schiessen wollte, wurde ich gefoult und brach mir den Arm. Ich landete bei einem älteren Chirurgen, eine sehr väterliche Figur. Als er mich fragte, was ich machen wollte, sagte ich ihm Mediziner –aber ich hatte meine Zweifel, weil damals, 1972, bereits von einer «Ärzteschwemme» die Rede war. Der Chirurg meinte nur, dass sei völlig der falsche Ansatz: Ich solle das machen, was mich interessiere und mir Freude bereite. Und so begann ich mit meinem Medizinstudium.

Was hat sich seither am meisten verändert?

Ich habe in meiner langen Berufstätigkeit enorm faszinierende Fortschritte der Medizin miterleben dürfen. Heute sind Dinge machbar, die vor 25 oder 30 Jahren nicht möglich gewesen sind. Und eine weitere Veränderung ist sichtbar –die Verweiblichung der Medizin. Heute besteht das Team primär aus Frauen. Aber auch unter den Patienten hat es Veränderungen gegeben: Die Haltung ist anspruchsvoller und kritischer geworden.

Was sehen Sie problematisch an diesen Veränderungen?

Ich habe erlebt, was die moderne Medizin bewirkt: Primär macht sie die Leute älter. Das bringt mit sich, dass viele unsere Patienten über 80 oder gar über 90 sind. Das führt zu Polymorbidität, also zu Patienten mit vielen unterschiedlichen Krankheitsbildern. Dabei stellt sich immer die Frage, was noch eine sinnvolle Behandlung ist.

Gab es in all der Zeit nie einen Punkt, an dem Sie den Arztkittel an den Nägel hängen wollten?

Nein, man muss lernen, mit der Arbeit mit dem Patienten und damit verbunden mit Krankheit und Tod umgehen zu können. Wichtig ist besonders, dass man die Emotionen dosieren kann. Empathie ist sehr wichtig, aber als Arzt muss man darauf achten, dass man nicht mitten im Elend des Patienten steht. Ansonsten ist man nicht handlungsfähig. Besonders beim Morgenrapport, bei welchem innert Kürze unzählige tragische Schicksale berichtet werden, wurde mir bewusst, dass es auch in meinem Leben eine Endlichkeit gibt.

Wo haben Sie in diesen schwierigen Situationen Rückhalt gefunden?

Vor allem in meiner Familie. Und im Team, wo man seine Sorgen ausbreiten kann. Und gute Freunde sind wichtig. Grundsätzlich muss einfach ein stabiles Umfeld gegeben sein.

Was bringt die Zukunft?

Ich möchte mit meiner Frau gerne häufiger auf Reisen gehen. Ich werde aber nicht nur am Reisen sein, sondern mich auch der Gartenarbeit widmen, die mir viel Freude bereitet. Und wenn ich von meinen gesundheitlichen Beschwerden wieder ganz genesen bin, möchte ich wieder mehr Wanderungen unternehmen. Und etwas Arbeit im Kantonsspital bleibt ja doch auch noch.

Und nun die letzte und wichtigste Frage: Würden Sie sich nochmals für die Chefarztstelle entscheiden?

Ja! Ich hatte einen tollen und herausfordernden Beruf. An dieser Stelle möchte ich nochmals betonen, dass unsere öffentlichen Spitäler wirklich Anerkennung verdienen. In einem öffentlichen Spital erhalten alle Patienten, so unterschiedlich sie sind, eine gute medizinische Versorgung – und das flächendeckend in der ganzen Schweiz.

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