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FRAUENFELD: Marie, gefallene Engel und Spelunken

Sie sind in die Jahre gekommen, die Häuser an der Thundorferstrasse mit den Hausnummern 14, 16 und 18. Nun stehen sie vor der Sanierung. Wo früher Herrgöttli getrunken und hochwertige Musikinstrumente gebaut wurden, gibt es Wohn- und Gewerberaum.
Mathias Frei
Thundorferstrasse 18, 16 und 14: das Trompetenhüsli, der «Engel» und das «Grütli». (Bild: Reto Martin)

Thundorferstrasse 18, 16 und 14: das Trompetenhüsli, der «Engel» und das «Grütli». (Bild: Reto Martin)

Mathias Frei

mathias.frei

@thurgauerzeitung.ch

Ein wahrhaft wunderliches Trio: diese drei Häuser. Früher die Werkstatt einer der bedeutendsten Schweizer Instrumentenmanufakturen, daneben zwei Wirtschaften, zeitweilig auch eine Metzgerei. Steht man auf der Thundorferstrasse vor den Häusern, fängt es links mit der 18 an: das Trompetenhüsli, ein gelbes Häuschen. In der Mitte – Nummer 16 – der «Engel», der als Wirtschaft dem Hotel Merkur am Bahnhof zum Opfer fiel. Das 1907 vom Zürcher J. Anton Weibel errichtete «Merkur» bekam wegen der zu grossen Beizendichte kein Wirtepatent. So kaufte Weibel den «Engel», schloss ihn und übernahm das Patent für sein «Merkur».

Und rechts die Hausnummer 14, das «Grütli». Wie der Frauenfelder Bürgerarchivar Angelus Hux in «Frauenfelder Gaststätten damals – Eine historische Beizentour» schreibt, habe das Lokal kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs mehr den Eindruck einer Spelunke gemacht denn einer «untadeligen Gastwirtschaft». «Die Gäste, die wir Buben damals ins ‹Grütli› eintreten sahen, erweckten in uns eher Mitleid», liest man bei Hux.

Heute gehören die Häuser der Gehring Elektro AG. Bis vor zwei Jahren war das Frauenfelder Traditionsunternehmen an der Thundorferstrasse 14 bis 18 domiziliert – bis zum Umzug ins Hungerbüel. Im 14 war das Ladenlokal von Gehring, in den Obergeschossen gab es Mietwohnungen, die aber seit einem Jahrzehnt nicht mehr bewohnt waren. Die Nummer 16 beherbergte zuletzt Büros von Gehring, Personalräume und ein Magazin. Daneben, im 18, befand sich das Magazin «für wenig Gebrauchtes», wie Simon Sax sagt. Er gehört dem Gehring-Verwaltungsrat an und ist Bauherrschaftsvertreter beim Sanierungsprojekt für die drei Altbauten.

Wohnungen zwischen 2,5 und 5,5 Zimmern

Architekt Gabriel Müller realisiert das Projekt für die Eigentümerschaft. Er ist Spezialist für historische Bauten. Das Baugesuch liegt nächstens auf. Start der Arbeiten soll im Mai sein. In den Obergeschossen der drei Häuser sind Mietwohnungen vorgesehen. Im Erdgeschoss soll es Räumlichkeiten für «stilles Gewerbe» geben, teils auch mit Schaufenstern – insgesamt 630 Quadratmeter Wohn- und Gewerbefläche. Die Bauzeit beträgt ein Jahr. Müller spricht von einem interessanten Mix an Wohnungsgrössen – zwischen 2,5 und 5,5 Zimmern.

Der Frauenfelder Architekt weiss, dass hinter solchen Projekten viel Arbeit steckt. X-mal habe man sich mit Stadt und Denkmalpflege ausgetauscht. «Damit eine solche Umnutzung funktioniert, braucht es Anpassungen bei den Grundrissen.» Die vorhandene Bausubstanz sei «in vielen Teilen überraschend gut», sagt Müller. Dies, obwohl die ältesten Teile der Nummer 18 nachweislich rund 300-jährig seien. Wie bei anderen Projekten von Müller geht es darum, mit der bestehenden Substanz zu arbeiten. Nach Möglichkeit wird das, was demontiert und renoviert wird, später wieder eingebaut: Fenster, Türen, Täfer und anderes mehr. Müller geht es darum, «für den Umgang mit unserer gebauten Geschichte zu sensibilisieren». In Frauenfeld werde zu vieles einfach achtlos abgebrochen.

«Das Haus zeigt einem den Weg», sagt Müller. Das heisst: Bei historischen Bauten ist im Voraus nicht alles bis ins Detail planbar. Simon Sax von der Besitzerfirma sagt, ein solches Projekt realisiere man definitiv nicht des Geldes wegen. «Dafür braucht es ein Stück Idealismus.» Denn Sax hat früher selber hier gewohnt, im «Grütli», Nummer 14. «Da bleiben viele Erinnerungen.»

Architekt Müller besitzt ein paar Originalstücke der «M. Wolf Metall-Blasinstr. Fabrikation Frauenfeld» (siehe Kasten). Heutzutage sind das Sammlerstücke. Laut Alexander Leumann, ehemaliger Ausstellungskurator des Historischen Museums Thurgau, gehörte Wolf zu den führenden Blechmusikinstrumenten-Hersteller der Schweiz nebst Hirsbrunner (Sumiswald und Aarau) und Cyprian (Aarau). Leumann hat über Marie Wolf geforscht – genauso wie der Schaffhauser Historiker Jürg Zimmermann. Zeichen für die hochwertige Arbeit und den Geschäftserfolg waren Teilnahmen und Auszeichnungen an Landes- und Weltausstellungen: 1883 Zürich, 1889 Paris, 1896 Genf. Meistens seien es nur die Schallstücke «swiss made» gewesen, schreibt Leumann, «so auch bei Wolf in Frauenfeld». Die übrigen Teile seien ohne Gravur aus Tschechien importiert, hier zusammengesetzt und graviert. Für die Herstellung einer Trompete wären ansonsten zehn Arbeiter beschäftigt gewesen. 1894 liess Marie Wolf ein «Neues Zylinderventil für Blechmusikinstrumente» patentieren. Aber es ist kein Instrument bekannt, dass dieses neuartige Ventil hat.

Brunnen und Bronzefigur über Wolfs Tod hinaus

Nach dem Tod ihres Werkstattleiters Rudolf Walenta verkaufte Marie Wolf die Einrichtung der Werkstatt. Die Thundorferstrasse 18 blieb aber in ihrem Besitz. Wolf verfügte testamentarisch, dass Rudolfs Schwester Maria Walenta bis zu deren Tod (1961) im Haus wohnen konnte. Danach sollte die Bürgergemeinde die Liegenschaft bekommen, verkaufen und mit dem Erlös die Wolf-Walenta-Stiftung äufnen. Laut Jürg Zimmermann erfolgte der Verkauf zu Bechtelis 1974. Der Nachbar, die Firma Gehring, zahlte 100000 Franken. Den Zweck der Stiftung – ein Springbrunnen und ein Musikpavillon im Burstelpark – konnte die Bürgergemeinde nur zur Hälfte erfüllen. Denn für eine Musikbühne schien kein Bedarf mehr. So wurde 1975 ein Wasserspiel und daneben im Jahr darauf die Bronzeplastik «Mutter und Kind» von Ursula Weber-Fehr errichtet. Im Sinne des testamentarischen Willens, nämlich der Musikförderung, zahlte die Bürgergemeinde die restlichen 51000 Franken in regelmässigen kleinen Beträgen an das Jugendmusikkorps und die Jugendmusikschule aus – bis der Fonds im Jahr 2001 geleert war.

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