FRAUENFELD: Malerische Reise

Arbeiten, wo andere Ferien machen. Die Künstlerin Carole Isler liess sich auf einem Kreuzfahrtschiff als Bordmalerin anstellen. So schipperte sie diesen Winter vom Mittelmeer bis nach Indien.

Christine Luley
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Carole Isler arbeitet auf dem Kreuzfahrtschiff an einer Seekarte. (Bild: pd)

Carole Isler arbeitet auf dem Kreuzfahrtschiff an einer Seekarte. (Bild: pd)

Die Bordbroschüre «Kompass, Wissen auf See» zeigt eine lächelnde junge Frau mit hochgestecktem Haar, weisser Hose und gestreifter Uniformbluse. Auf dem Namensschild steht: «Carole Isler, Gastgeber Bordmaler». Zwischen vergangenem Oktober und diesem Februar ist die Frauenfelder Künstlerin auf «Mein Schiff 3» vom Mittelmeer bis nach Indien geschippert und hat dabei viel erlebt. Nach ihrer Rückkehr erzählt die 26-Jährige vom Alltag an Bord. Die ersten beiden Wochen seien hart gewesen. «Als Neuling kennt man niemanden und muss sich an Bord zurechtfinden. Vor allem die vielen Trainings sind anstrengend.»

Während die Kreuzfahrer im luxuriös ausgestatteten Bereich des Schiffs ihre Ferien verbringen, lebt die Mannschaft in einer anderen Welt. Bilder zeigen einen langen Gang mit blanken Stahlwänden. Auf den unteren Decks befinden sich die Kabinen, Essens- und Aufenthaltsräume der Crew. Auch ein Sportbereich, ein Sonnendeck und eine Bar stehen zur Verfügung. Eine fensterlose Einzelkabine ist Islers Zuhause. 4,5 Quadratmeter reichen für das Nötigste: Klappbett, Tisch, Schrank. Das Bad teilt sie mit einer Kollegin.

«Cabin in clean condition» ist gefordert
Einmal die Woche findet eine angekündigte Inspektion statt. «Cabin in clean, safe and good condition»: Das steht in einem Formular. «Man lernt Disziplin», sagt Isler. Denn für die Versorgung von 2500 Passagieren und 1000 Mann Besatzung braucht es gute Strukturen und klare Regeln. «Das Zusammenarbeiten auf europäischem Standard in einer bunt gemischten Mannschaft aus 47 Ländern hat funktioniert», versichert Isler. Mehrfach fehlbare Crewmitglieder seien schon nach Hause geschickt worden.
Im hellen Atelier auf Deck vier erklärt die Künstlerin den Gästen die Grundlagen des Malens. Die Technik beschränkt sich dabei nicht auf Acryl und Aquarell, auch mit Kaffee oder Gewürzen lässt sich malen. Zu Islers weiteren Aufgaben zählen Kurse für die Herstellung von Schmuck, die Mithilfe beim Check-in, der Einsatz als Wegweiser bei Seenotrettungsübungen. Als Hilfsguide hilft sie bei organisierten Landausflügen mit.

Marinesoldaten am Golf von Aden
Die Sicherheit der Gäste, der Crew und auch des Schiffs steht an oberster Stelle. Die Crew trainiert regelmässig für den Ernstfall, unterschiedliche Notfallsituationen werden simuliert. So auch für die Durchquerung des Golfs von Aden. Seit einem versuchten Überfall auf ein amerikanisches Kreuzfahrtschiff im Jahr 2008 und Piratenangriffen auf Frachter wird der Korridor von Marinesoldaten kontrolliert.
Laut Angaben der Reederei ist die Zahl der Überfälle in den vergangenen Jahren sehr stark gesunken. Kreuzfahrtschiffe wurden nicht mehr angegriffen, da sie aufgrund ihrer Schnelligkeit und ihrer Wendigkeit kein attraktives Ziel für Piraten sind. Während der sechs Seetage von Jordanien bis in den Oman begleitete zusätzliches Sicherheitspersonal das Schiff.
Nächtliche Crew-Paintings von 23 bis 1 Uhr hätten jeweils grossen Anklang gefunden. Vom Offizier bis zum Kellner geniessen alle die gemeinsame Betätigung ohne Hierarchien. Die Crew ist je nach Arbeitsvertrag bis zu sieben Monate im Dienst, das stärkt den Zusammenhalt. «Menschen aus anderen Nationen kennen zu lernen und Einblicke in ihre Kultur zu erhalten, ist spannend», findet Isler. Eigene Bedürfnisse zurückstellen und sich ungewohnte Aufgaben zutrauen: Daran ist sie gewachsen. Nebst dem anstrengendem Arbeitsalltag gab es auch Momente voller Seefahrerromantik: beim Betrachten des Sternenhimmels das Gleiten über die Wellen zu spüren und am Morgen in einem fremden Land aufzuwachen.