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FRAUENFELD: Kritischer Blick auf den Islam

Für ein Referat der Volkshochschule gastierte die bekannte Islamkritikerin Saïda Keller-Messahli in der Kantonsbibliothek. Sie propagierte eine liberalere Ausübung des Islams und warnte vor einer Unterwanderung hiesiger Strukturen.
Samuel Koch
Saïda Keller-Messahli referiert im Vortragssaal der Kantonsbibliothek. (Bild: Andrea Stalder)

Saïda Keller-Messahli referiert im Vortragssaal der Kantonsbibliothek. (Bild: Andrea Stalder)

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch

Der Andrang war immens. Bereits eine Viertelstunde vor Beginn des Gastauftritt Saïda Keller-Messahlis drängten noch unzählige Besucher in den Vortragssaal der Kantonsbibliothek, obwohl längst keine Sitzgelegenheiten mehr zur Verfügung standen. Draussen eine Polizeipatrouille zum Schutz der Rednerin stehend, organisierten die Verantwortlichen der Volkshochschule um deren Präsidenten Albert Bargetzi spontan noch einige Stühle.

Vom grossen Interesse sei sie wenig überrascht, sagte die in der Öffentlichkeit bekannte Islamkritikerin Keller-Messahli zu Beginn ihrer Rede und erzählte eine kleine Anekdote aus Frauenfeld, welche ihre Vermutung untermauern sollte. Als sie kurz vor dem Vortrag am Dienstagabend in einer Beiz noch etwas trinken wollte, fragte sie die Serviertochter nach dem Grund ihres Besuchs. «Ich sagte, dass ich für einen Vortrag über Salafismus hier bin», erzählt die 60-Jährige in von Berndeutsch geprägter Schriftsprache. Die Serviertochter habe daraufhin geantwortet, dass sie bestimmt einen vollen Saal antreffen werde. Gelächter im Saal.

Vorne weg: Zum Bau der neuen Moschee im Frauenfelder Oberwiesen-Quartier verlor Keller-Messahli kaum Worte, jedenfalls nicht mehr als ihrem kontrovers diskutierten Buch «Islamische Drehscheibe Schweiz» zu entnehmen sind. «In der Frauenfelder Moschee gibt es Verbindungen zur UAIS», sagte sie. Den Vorwurf, dass die Union Albanischer Imame vom Balkan aus Gelder für den Bau hiesiger Moscheen schleuse und radikal predigende Imame finanziere, liess sie sec im Raum stehen. Es gebe in den Thurgauer Moscheen wie etwa in Wigoltingen, Bürglen oder Kreuzlingen aber auch Verbindungen in die Türkei.

Salafismus als Weg zum «unverdorbenen» Ursprung

Der Vortrag, der rund eindreiviertel Stunden dauerte, begann quasi bei Null. «Was heisst Salafismus?», fragte Keller-Messahli in die Runde, um darauf direkt selber eine Antwort zu geben. «Das bedeutet der Weg zurück zu einer ursprünglichen, ‹unverdorbenen› Form des Islams.» Der Begriff lasse sich ebenfalls eng verknüpfen mit dem von der saudischen Halbinsel stammenden Wahhabismus – «der saudischen Staatsdoktrin». Auch die eher neuzeitliche Lesart der Muslimbruderschaft habe sich als «Lösung für alle Probleme des Lebens» etabliert.

Verbindungen aus der Schweiz nach Saudi-Arabien

Mittlerweile werde der Islam als Religion – auch in der Schweiz – für politischen Einfluss missbraucht, meinte Keller-Messahli. So zeigte sie anhand von veralteten Internetseiten Verbindungen zwischen Vorstandsmitgliedern einer Genfer Moschee und der Islamischen Weltliga auf. «In der Schweiz verkehrt zwar nur etwa ein Achtel aller Muslime in Moscheen», ergänzte sie. Diese oft studierten und in der Gesellschaft gut situierten Personen nutzten aber hiesige Strukturen für ihre Interessen. Einer davon sei der Aarburger Imam Nehat Ismaili, UAIS-Präsident, der Verbindungen zur Europäischen Organisation der Islamischen Zentren mit Sitz in Genf pflegt, die den Bau von Moscheen in Europa zum Ziel hat. Ismaili wiederum war bei der Grundsteinlegung der Moschee der Islamischen Gemeinschaft Frauenfeld dabei.

Vor der regen Diskussionsrunde platzierte Keller-Messahli den Gedanken, «endlich Imame in der Schweiz auszubilden und nicht in Saudi-Arabien». Wie und wo eine liberale junge Frau ihrem Glauben nachgehen könne, wollte jemand wissen. «Dafür gibt es bisher keine Lösung», sagte Keller-Messahli. Eine arabischsprechende Journalistin habe einmal versucht, eine Moschee ohne Kopftuch zu betreten. «Der Imam hat sie nach Hause geschickt.»

Zum Schluss entbrannte eine hitzige Debatte zur Frage, ob liberale Politiker in der Schweiz den Islam verniedlichen würden. «Viele Politiker sind naiv», sagte Keller-Messahli. Als sie sich einst bei einer SP-Politikerin einsetzen wollte, dass in Spitälern und Gefängnissen keine salafistischen Broschüren verteilt werden würden, habe sie das Thema unter den Tisch gekehrt mit der Aussage: «Das ist Wasser auf die Mühlen der SVP.» Klar sei es nicht ganz fair, den Islam aus dem siebenten Jahrhundert komplett in Frage zu stellen. «Aber wir wollen kritisch sein.»

Das weitere Programm der Volkshochschule Frauenfeld im Internet unter: www.vhsf.ch

Zur Person

Die schweizerisch-tunesische Menschrechtsaktivistin Saïda Keller-Messahli ist nicht erst seit der Erscheinung ihres Buchs «Islamische Drehscheibe Schweiz» eine bekannte Islamkritikerin. Seit der Gründung des Forums für einen fortschrittlichen Islam 2004 warnt die 60-Jährige vor der Unterwanderung eines radikalen Islams. 2016 wurde Keller-Messahli mit dem nationalen Menschenrechtspreis ausgezeichnet. Zuletzt geriet sie jedoch in Schlagzeilen, weil sie als Mitautorin einer Publikation über die islamische Entwicklung auf dem Balkan aus Wissenschaftskreisen heftige Kritik erntete. (sko)

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