FRAUENFELD: Kanton kritisiert Windpark-Gegner

Wer potenzielle Windenergie im kantonalen Richtplan bekämpft, legt einer modernen Energiestrategie ungerechtfertigt Steine in den Weg. Die Abteilung Energie spricht von einer Verhinderungstaktik.

Silvan Meile
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Ein Windrad des Windkraftwerks Haldenstein bei Chur. (Bild: Benjamin Manser)

Ein Windrad des Windkraftwerks Haldenstein bei Chur. (Bild: Benjamin Manser)

FRAUENFELD. Stromproduktion aus Wind wirbelt im Thurgau viel Staub auf. Seit vor drei Wochen die Resultate aus Windmessungen ergaben, dass oberhalb Braunaus genug Wind bläst, um bis zu 6600 Haushalte mit Strom zu versorgen, hagelt es beim Kanton Kritik aus der Bevölkerung: Die Abstände der bis zu 200 Meter hohen Windräder zu den Wohnhäusern seien zu klein. Die Gesundheit der Menschen werde aufs Spiel gesetzt. Und die Liegenschaftenbesitzer müssten schliesslich mit der Wertverminderung ihrer Häuser die Zeche für den sauberen Strom bezahlen.

Lösungen für wegfallende Kernenergie umsetzen

Nun nimmt der Kanton erstmals Stellung zu solchen Vorwürfen. In einem Brief an Maurus Duelli von der Interessengemeinschaft Lebensqualität Wuppenau bezeichnet die kantonale Abteilung für Energie das Vorgehen der Windpark-Gegner als Verhinderungstaktik. Denn «zeigen die Untersuchungen vor Ort, dass die Belastung für Mensch und Umwelt nicht tragbar ist, muss die Projektplanung abgebrochen werden», verspricht der Kanton in seinem Schreiben, das der Thurgauer Zeitung vorliegt. Doch statt weitere Untersuchungen überhaupt zuzulassen und die Resultate sowie allfällige Kompromisse sachlich und fundiert mit unterschiedlichen Experten zu diskutieren, fordere die IG schon jetzt einen Projektabbruch.

Ihr Kampf gegen potenzielle Zonen für Windenergie im revidierten kantonalen Richtplan gefährdet überdies alle künftigen Windparkprojekte im Kanton. Das sei unverantwortlich und lasse eine Offenheit gegenüber Neuem vermissen, schreibt die Abteilung Energie. Schliesslich sei ein weiterer Ausbau von Kernenergie aus heutiger Sicht weder wirtschaftlich noch gesellschaftlich zu rechtfertigen. Auch wolle man künftig nicht auf Strom aus dem Ausland setzen. «Sie unterstützen leider keine moderne Energiestrategie, sondern legen ihr ungerechtfertigt Steine in den Weg», heisst es im Schreiben.

Kanton sieht keinen Anlass, Lärmschutz anzupassen

Kritiker des angedachten Windparks oberhalb Braunaus führen gerne ins Feld, dass kaum irgendwo in Europa ein Windpark mit diesen Abständen zu Siedlungen gebaut werden könne. Dieses Argument widerlegt der Kanton am Beispiel des nördlichen Nachbarn: «Deutschland kennt mit Ausnahme von Bayern und Mecklenburg keine Mindestabstände, sondern definiert wie die Schweiz die Abstände über das Einhalten der Lärmschutzgrenzwerte für Industrieanlagen.»

In der Schweiz gilt hierfür die Lärmschutzverordnung. Die Erfahrungen hierzulande mit 33 Grosswindanlagen ergäben derzeit keinen Anlass, die Lärmschutzverordnung anzupassen: «Mit den aktuellen Abständen, welche sich aus diesen Lärmschutzgrenzwerten ergeben, ist für die Anwohner Lärm kein Thema.» Und die geforderte H10-Regelung aus Bayern, wonach der Abstand zu einer Siedlung das Zehnfache der Höhe eines Windrads betragen muss, sei «eine Faustregel», die nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen basiere, schreibt der Kanton weiter. Dem widerspricht Maurus Duelli von der IG Lebensqualität Wuppenau. Er findet stattdessen diese Argumentation wenig wissenschaftlich. Ausserdem würden immer mehr Regionen diese Regelung anwenden.

Auch die Befürchtung über einen Preiszerfall von bis zu 40 Prozent der Liegenschaften in der Nähe von Windparks, welche die IG ins Feld führt, teilt die kantonale Abteilung für Energie nicht. Dies sei «nicht bekannt und nicht belegbar», heisst es im Schreiben mit Bezug auf ein Fazit der Waadtländer Kantonalbank aus einer Zusammenstellung ausländischer Studien. «Die finanziellen Befürchtungen werden sehr locker abgetan», sagt Duelli. Es gebe diverse Studien, die das Gegenteil behaupten würden.

Bei aller Meinungsdifferenz zeigt sich der Wuppenauer erfreut darüber, dass ihm der Kanton geantwortet hat und ein Treffen anbietet. Das nehme er gerne an.