FRAUENFELD: Jacomet übernimmt den Fall

Die Heks-Rechtsberatungsstelle erzielt mit ihren Beschwerden und Gesuchen eine hohe Erfolgsquote. Übernommen werden nur Fälle, in denen die Behörden schlecht gearbeitet haben. Davon gibt es genug.

Thomas Wunderlin
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Tilla Jacomet erklärt einem Fachpublikum die Grundsätze ihrer Arbeit. (Bild: Donato Caspari)

Tilla Jacomet erklärt einem Fachpublikum die Grundsätze ihrer Arbeit. (Bild: Donato Caspari)

FRAUENFELD. Wenn Tilla Jacomet den Fall übernimmt, dann hat der Asylbewerber die wichtigste Hürde geschafft. Von ihren Beschwerden sind letztes Jahr 50 Prozent gutgeheissen worden. Einschliesslich der Gesuche beträgt ihre Erfolgsquote sogar 75 Prozent. Sie ist nicht euphorisch deswegen. «Ich finde es ziemlich traurig, dass wir so viel gewinnen», sagte sie kürzlich an einer Weiterbildungsveranstaltung in Weinfelden.

Die 39jährige Diplomjuristin leitet die Rechtsberatungsstelle für Asylsuchende des evangelischen Hilfswerks Heks Ostschweiz. Jacomet lebt seit 15 Jahren in der Schweiz, hat hier und in Deutschland studiert und ist Bürgerin beider Staaten.

Früher fällte sie selber Asylentscheide

Einen Fall gewonnen hat sie, wenn ihr das Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen recht gibt. Das bedeutet, dass das Staatssekretariat für Migration (SEM) schlecht gearbeitet hat. Bis 2008 arbeitete Jacomet selber für das Bundesamt für Migration, das heutige SEM. Sie war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Direktionsbereich Asylverfahren, führte Anhörungen durch und fällte Asylentscheide.

Nach ihrem Seitenwechsel stellte sie fest, wie mangelhaft viele Asylentscheide sind. Oft enthalten sie Verfahrensfehler. Die Begründungspflicht wird verletzt, der Sachverhalt mangelhaft erstellt oder ein Beweismittel ignoriert. Manchmal wird eine Krankheit des Bewerbers, zum Beispiel Aids, übersehen.

Sie habe dennoch grossen Respekt vor der Arbeit des SEM, sagt Jacomet. Jedes Verwaltungsverfahren könne Fehler produzieren. «Im Asylbereich haben sie leider oft existenzielle Folgen für die Betroffenen.» Wichtig sei, dass sich die Behörde als lernende Organisation verstehe, ebenso wie es das Heks tue. Asylsuchende hätten schon allein sprachlich nicht viele Möglichkeiten, für ihre Rechte einzutreten. Sie müssten Zugang zu professionellem Rechtsschutz haben. «Insgesamt haben wir in der Schweiz ein qualitativ hochstehendes Asylverfahren», ist sich Jacomet sicher. Das neue Asylgesetz, das im Juni 2016 beschlossen wurde, sei ein weiterer Schritt in diese Richtung. Politisches Lobbying und Behördenkritik steht beim Heks laut Jacomet nicht im Vordergrund. Die Rechtsberatungsstelle setze auf einen konstruktiven Umgang mit den Behörden.

Zweimal Sprechstunde in Kreuzlingen

So könne sie am meisten für die Rechte der Asylsuchenden bewirken und zu einem rechtskonformen und fairen Asylverfahren beitragen. Das Heks Ostschweiz bietet pro Woche zweimal eine Sprechstunde in Kreuzlingen an, einmal in St. Gallen. Sechs Juristen teilen sich 360 Stellenprozent; davon hat Jacomet 70 Prozent inne. Der Andrang, den das Team zu bewältigen hat, ist gross.

2015 wurden 4186 Beratungen gezählt. «Wir sind die einzigen die helfen», sagt Jacomet, «und meist die letzten.»

Sie will nur rechtliche Fragen klären

Bei den Gesprächen drückt sie aufs Tempo. Sie interessiert sich nur für rechtliche Fragen. «Ich sitze nicht stundenlang da und höre mir Fluchtgeschichten an, obwohl sie beeindruckend sind.» Offenbar stösst sie mit ihrem zackigen Gebaren auf Verständnis: «Ich erlebe täglich sehr viel Dankbarkeit und Wertschätzung.»

Neu übernimmt das Heks Ostschweiz im Auftrag des Sozialamts des Kantons Thurgau die Beistandschaft der unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber.

Das Heks legt Wert darauf, ernst genommen zu werden. Mandate werden nur übernommen, wenn eine Rechtsverletzung geschehen ist oder zu geschehen droht. So prüfte die Rechtsberatungsstelle letztes Jahr in 555 Fällen die Erfolgschancen, übernahm davon aber nur 82 Fälle, was rund 15 Prozent entspricht. «Wir machen nichts, wenn wir keine Chance sehen», sagt Jacomet. «Da sind wir hart, so hart wie die Behörde.»