FRAUENFELD: Gross und grösser

Am 18. März 1917 beschloss die Stadt zu wachsen. Sechs Ortsgemeinden stimmten der Stadtvereinigung zu. Die neue Einheitsgemeinde ab Juni 1919 zählte fast doppelt so viele Einwohner.

Mathias Frei
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Eine Aufnahme aus dem Fotoarchiv Bär: das Rathaus der noch jungen Einheitsgemeinde Frauenfeld im Jahr 1926. (Bild: PD/Stadtarchiv Frauenfeld)

Eine Aufnahme aus dem Fotoarchiv Bär: das Rathaus der noch jungen Einheitsgemeinde Frauenfeld im Jahr 1926. (Bild: PD/Stadtarchiv Frauenfeld)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Heute vor 100 Jahren war ein Sonntag, ein besonderer Tag. «Das Gefühl war überall vorhanden, dass es sich um eine grosse Sache, um einen Ruck nach vorwärts handle», ist am Tag darauf in der «Thurgauer Zeitung» zu lesen. Die Ortsgemeinde Frauenfeld und die fünf umliegenden Ortsgemeinden Herten, Horgenbach, Huben, Kurzdorf sowie Langdorf beschliessen an jenem 18. März 1917 an ihren Gemeindeversammlungen die Stadtvereinigung, also die Bildung einer Einheitsgemeinde Frauenfeld. Diese trat per 1. Juni 1919 in Kraft. «Gross-Frauenfeld» – so titelte die TZ – war geboren.

Vor gut zwei Monaten hat die Stadt den 25000. Einwohner gefeiert. Vor 100 Jahren zählte die Ortsgemeinde Frauenfeld 5000 Einwohner. Durch die Stadtvereinigung wuchs die Kantonshauptstadt auf einen Schlag um knapp 4000 Personen. Flächenmässig konnte Frauenfeld noch stärker profitieren. Das Städtli hatte sich über 3,64 Quadratkilometer erstreckt. Vor allem Huben (5 Quadratkilometer) und Langdorf mit 8 Quadratkilometern Fläche liessen die neue Einheitsgemeinde auf 25 Quadratkilometer anwachsen.

Applaus in der Kirche ist nicht angebracht

In späteren Chroniken werde dieser 18. März 1917 als «Ehrentag» bezeichnet werden, heisst es in der TZ. Man werde davon sprechen, wie die sechs Ortsgemeinden «mitten in der Kriegszeit und trotz Teuerung und Sorgen» den Boden gelegt hätten für «ein neues, starkes Gemeinwesen». In allen sechs Versammlungen fällt der Entscheid fast einstimmig. Wenn die Stadt-Versammlung nicht in der evangelischen Kirche über die Bühne gegangen wäre, hätten die Anwesenden am Schluss mit Sicherheit applaudiert, mutmasst der unbekannte Berichterstatter der TZ.

Den Vereinigungsbemühungen sei die Erkenntnis zugrunde gelegen, «dass viele Aufgaben nur noch gemeinsam zu bewältigen waren», ist nachzulesen bei Beat Gnädinger/Gregor Spuhler in «Frauenfeld. Geschichte einer Stadt im 19. und 20. Jahrhundert» (1996). Langdorf, Kurzdorf und Teile Hubens seien damals praktisch mit der Stadt zusammengewachsen und zudem von Frauenfeld aus mit Wasser, Gas und Strom versorgt worden. Die ländlichen Ortsgemeinden erhofften sich durch die Stadtvereinigung eine finanzielle Entlastung. Im Gegenzug brachten sie viel Land in die Heirat mit. Auch die Verwaltung sollte vereinfacht werden können, denn das Nebeneinander von Orts- und Munizipalgemeinde würde so wegfallen (siehe Kasten).

Laut «Die Gemeinde Frauenfeld seit der Stadtvereinigung, 1919 –1944» (Edwin Altwegg, Louis Schihin, 1944) sind die damaligen sechs Ortsgemeinden innerhalb der Munizipalgemeinde «zu einer wirtschaftlichen Einheit geworden». Und: «Der Ortsgemeinde Frauenfeld ihrerseits mangelte es an Gebiet für eine freie bauliche Entwicklung.»

Erste Ideen aus dem Jahr 1907

Die Idee der Stadtvereinigung währt zum Zeitpunkt ihres Beschlusses schon zehn Jahre. Und ihr Wegbereiter ist der Jurist Albert Böhi, Oberrichter, während gut zehn Jahren Thurgauer Regierungsrat für die FDP und später 25 Jahre lang im Ständerat. «Im Jahr 1907 setzte zum ersten Mal ein Redner einer Versammlung die Vorteile einer Vereinigung der sechs Ortsgemeinden auseinander»: Das schreibt Ernst Leisi in «Geschichte der Stadt Frauenfeld» (1946). Viel mehr ist dazu bei Leisi nicht zu erfahren. Ein Sitzungsprotokoll von April 1907 der Behörde der Ortsgemeinde Frauenfeld belegt aber eine Einladung der SP Kreis Frauenfeld zu einem Referat von Böhi betreffend Vereinigung von Langdorf und Kurzdorf mit Frauenfeld. Der Ortsverwaltungsrat sieht von einer offiziellen Beteiligung ab, stellt seinen Mitglieder eine Teilnahme aber frei. Im Juni 1909 trifft «eine Eingabe von Langdorf betreffend Vereinigung mit der Stadt» ein. Die Stadt findet das «sympathisch», angeregt werden weitere Verhandlungen mit Kurzdorf und Huben.

Im August 1911 präsentiert Albert Böhi ein von Frauenfeld in Auftrag gegebenes «Gutachten über die Vereinigung der Stadtgemeinde Frauenfeld mit den Aussengemeinden». Er kommt zum Schluss, dass die Vereinigung aufgrund der herrschenden Gesetzgebung möglich sei. Politisch sei die Entstehung eines neuen, grösseren Gemeinwesens. Und: «Sozial ist der Zweck der Vereinigung, nämlich ein billiger Austausch der bürgerlichen Nutzungen und der öffentlichen Lasten» zwischen Frauenfeld und den Aussengemeinden. Böhi rät, die «Vereinigungsfrage» möglichst rasch zu entscheiden. Ansonsten bestehe ein nachteiliger Zustand der Ungewissheit. Woher Böhis Engagement für die Idee der Stadtvereinigung konkret rührt, darüber ist in der Forschung nichts zu finden. Frauenfelder war er nicht, geboren wurde Böhi in Schönholzerswilen. Danach lebte er in Bürglen.