FRAUENFELD: Gräben an der Tunnelfront

Bestvarianten haben die Parteien noch nicht erkoren. Die Bürgerlichen halten eine Stadtentlastung für unumgänglich. Derweil wünscht sich Links-Grün Diskussionen über die grundsätzliche Notwendigkeit von Umfahrungsstrassen und -tunnels.

Mathias Frei
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Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Die Sauserzeit ist vorbei, und trotzdem gärt es bei den Parteien und politischen Gruppierungen Frauenfelds. Thema Nummer 1 in den Parteivorständen und Fraktionen ist die Stadtentlastung. Stadt und Kanton haben vorige Woche sieben Linienführungen für eine möglich kleinräumige Stadtentlastung präsentiert (siehe Kasten). Von links bis rechts heisst es zwar, man habe sich noch nicht für eine Bestvariante entscheiden können. Aber schon jetzt ist klar: Die Pläne von Stadt und Kanton stossen bei den bürgerlichen Stadtparteien eindeutig auf mehr Gegenliebe als bei Linksgrün.

«Der Tanz um das goldene Kalb Auto geht weiter, die Frauenfelder Bevölkerung ist die Verliererin», stellt CH-PräsidentCharles Landert fest. SVP-PräsidentAndreas Elliker gibt zurück: «CH und die Grünen sind gegen jegliche Lösungen.»

Entlastung statt Verlagerung gefordert

Dass nun Stadt und Kanton Lösungen vorgeschlagen haben, schätzt man bei der SVP. «Wir wollen eine echte Verkehrsentlastung und keine Verkehrsumlagerung», sagt Elliker. Deshalb brauche es eine Stadtentlastung – um die Lebensqualität erhöhen zu können. Eine oberirdische Variante werde es bei den Anstössern schwerer haben als eine unterirdische. «Es wird nicht einfach sein, eine Umfahrungsstrasse durch ein Quartier zu führen.» Aber bei jeder Linienführung gebe es auch flankierende Massnahmen. Bei EDU-PräsidentChristian Mader tönt es ähnlich. «Die Entlastung des Zentrums ist zwingend notwendig», sagt er. Ziel müsse dabei eine breitere Verteilung sein – statt einer Verlagerung. Die vorliegende Variantenauswahl kommt bei der EDU an, denn sie ermögliche eine weitere Eingrenzung.

Die FDP begrüsse es, dass «das Thema zentrumsnahe Stadtumfahrung jetzt angepackt wird», sagt FDP-PräsidentDaniel Sidler. Für seine Partei steht eine Lösung im Fokus, «die eine möglichst geringe Mehrbelastung in Wohnquartieren bringt, den Verkehr verflüssigt, dem Gewerbe und den Unternehmen in Frauenfeld nützt und die Attraktivität der Innenstadt fördert. Auch für ihn ist eine Stadtentlastung zwingend, «wenn einem drohenden, ganztägigen Verkehrsstau endlich entgegengewirkt werden soll».

Die EVP findet eine «sinnvolle Umfahrung notwendig, aber nicht um jeden Preis». Das gebe dem Langsamverkehr und ÖV Raum und entlaste Vorstadt sowie Rathausplatz. EVP-Präsident Stefan Eggimann sagt, Tunnelvarianten seien zu bevorzugen, da alle anderen zu hohen Lärmemissionen führten.

In Sachen Zeitplan meint Sidler: «Natürlich hätten wir gerne, wenn alles beschleunigt werden könnte.» Mader wendet aber ein: «Es ist wie bei allen Strassenprojekten mit Widerstand zu rechnen.» Zur Finanzierung sagt Elliker: «So günstig wie die F21 gewesen wäre, wird es nie.» Mader ist überzeugt, dass nebst Stadt und Kanton der Bund zahlen wird. «Wie gross der Bundesanteil sein wird, hängt auch vom Verhandlungsgeschick der Verantwortlichen ab.»

Viel Kritik gibt es von MproF-PräsidentFredi Marty: «Warum eigentlich soll der Rathausplatz vom Durchgangsverkehr entlastet werden? Ist dort eine bessere Wohn- und Lebensqualität anzustreben als in den Quartieren?» Die wenigen Stosszeiten über Mittag und gegen Abend könnten entschärft werden, wenn jeder freiwillig zum Abbau des innerstädtischen motorisierten Individualverkehrs beitragen würde. Vieles sei zu Fuss, mit dem Velo oder mit dem Stadtbus erreichbar. Stadt und Kanton hätten für ihre Planspiele unnötig Steuergelder verschwendet. MproF sieht die Lösung in einem grossräumigen Westumfahrungstunnel vom Messenriet bis zur Aumühle. Es lohne sich, einige Jahre darauf hinzuarbeiten und in Bern betreffend Finanzierung Druck aufzubauen. MproF ist im Übrigen die erste Gruppierung, die sich hinter die Petition «Keine oberirdische Stadtentlastung Frauenfeld»(Kosef) stellt.

Von CH heisst es vielsagend: «Mehr Verkehr als heute, einfach anders verteilt – und das für 30 bis 130 Millionen?» Zudem gibt Landert zu bedenken, dass eine Nullvariante («Frauenfeld plus»), also ohne Strassen- oder Tunnelbau, nur mit flankierenden Massnahmen nicht in Betracht gezogen worden sei. SP-PräsidentStephan Grob fehlt «die Grundsatzdiskussion, ob eine solche Innenstadtentlastung überhaupt gewünscht ist». Auf jeden Fall müsse eine Entscheidung aufgrund der engen Stadtfinanzen gut überlegt sein, gehe es doch um einige Millionen, «die für eine 30- bis 40-prozentige Entlastung der Innenstadt ausgegeben werden». Ein Augenmerk sei deshalb auf die Mehrbelastung der Wohnquartiere zu legen.

Die Welt ringe mit dem Klimawandel. Frauenfeld dagegen wolle Strassen und Tunnels bauen, stellt Michael Pöll,Bezirkspräsident der Grünen, fest. «30 Prozent Verkehrsentlastung für die Innenstadt sollen daraus resultieren. Der Preis dafür: die Opferung von ganzen Wohnquartieren und das Verlochen von Millionen an Steuergeldern?» Das Denken in Asphaltlösungen sei für die Grünen untauglich. Das Mobilitätssystem müsse als Ganzes optimiert werden. Dazu gehörten kostengünstigere Massnahmen, um den Autoverkehr zu reduzieren.

Keine Stellungnahmen gingen von CVP und GLP ein.