FRAUENFELD: Ersatz für die Gassenküche

Für arme Menschen ist der Besuch eines guten Restaurants kaum bezahlbar. Gestern erfüllte ihnen die Junge Wirtschaftskammer diesen Wunsch.

Hugo Berger
Drucken
Teilen
Mitglieder der Jungen Wirtschaftskammer Frauenfeld bewirten ihre Gäste. (Bild: Andrea Stalder)

Mitglieder der Jungen Wirtschaftskammer Frauenfeld bewirten ihre Gäste. (Bild: Andrea Stalder)

Hugo Berger

frauenfeld

@thurgauerzeitung.ch

In der «Kostbar», dem ehemaligen Hotel Domicil, steht ein Apéro bereit. Es sind 40 besondere Gäste – und sie haben etwas gemeinsam: Sie leben von einem tiefen Einkommen und könnten sich ein Mittagessen in einem feinen Restaurant kaum leisten. Doch heute sind sie von der Jungen Wirtschaftskammer Frauenfeld (ICIF) eingeladen. Und Küchenchef Fabian Weh kocht für sie Roastbeef, Kartoffelgratin mit Gemüse mit anschliessendem Dessert.

«Wir haben uns mit der Frage beschäftigt, welchen Wunsch sich Menschen mit kleinem Budget erfüllen würden, hätten sie einen finanziellen Zustupf zur Verfügung», erklärt Ariana Oswald, Präsidentin der Arbeitsgruppe. Um das zu erfahren, habe man in verschiedenen Einrichtungen, darunter auch in der Gassenküche, Talons abgegeben, auf welchen die Wünsche notiert werden konnten. Eingegangen seien ganz einfache Wünsche, wie etwa der Besuch im Plättli-Zoo oder Beerenpflücken auf einer Plantage. «Der häufig geäusserte Wunsch nach einem feinen Mittagessen schien uns sinnvoll, zumal die Gassenküche in den Sommerferien geschlossen ist», so Oswald.

«Zu Hause hätte es heute Spaghetti gegeben, dazu ein Gemüse. Dieses bekomme ich von meiner Schwester, die einen eigenen Garten hat», erzählt Jolanda Donne. Heute geniesse sie es vor allem, bedient zu werden. Grosses Lob findet sie für die Gassenküche. «Die Menschen, die dort arbeiten, sind unsere Engel.»

Ein einfaches Menü ohne Fleisch wäre auch das Sonntagsgericht von Agnes Grau gewesen. «Gewünscht hätte ich mir eigentlich eine Gesichtsmassage, aber man kann sich nicht alle Wünsche erfüllen», sagt die Rentnerin, die mit einem Einkommen von weniger als 2500 Franken im Monat auskommen muss.

Armut hat viele Gesichter. Da ist etwa der stämmige Bruno Bieri, der früher in verschiedenen Berufen wie Gerüstbauer und Eisenleger schwere Arbeit leistete und heute an Epilepsie leidet. «Mein Leben begann schon schräg. Als ich ein halbes Jahr alt war, wollten mich meine Eltern nicht mehr. So wuchs ich an verschiedenen Orten auf.»

Da ist der bald 60-Jährige (seinen Namen will er nicht sagen), der vor vier Jahren seine Stelle verlor. Und da ist Julia, eine gepflegte Frau um die 50, der man kaum glaubt, dass sie von Armut betroffen ist. Sie hat mehrere schwere Herzoperationen hinter sich. «Ich würde gerne im Gastgewerbe arbeiten», erzählt sie und meint weiter: «Wenn ich nachts das Ticken des Herzschrittmachers höre, befällt mich Angst.»