FRAUENFELD: Ein Funken und ein feuriger Appell

Der Haufen Holz kam dann doch noch zum Brennen. Das hatten sich die 250 Besucher auch verdient, die am Vorabend des 1. Augusts zur Funkenfeier bei der Rüegerholzhalle gekommen waren. Gemeinderatspräsidentin Ursula Duewell rief dazu auf, Verantwortung zu übernehmen.

Mathias Frei
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Gemeinderatspräsidentin Ursula Duewell bei ihrer Ansprache. (Bild: Mathias Frei)

Gemeinderatspräsidentin Ursula Duewell bei ihrer Ansprache. (Bild: Mathias Frei)

FRAUENFELD. Das wäre ja noch: eine Funkenfeier ohne Feuer. «Hoffen wir mal, dass er ankommt.» Die Bedenken von Funkenmeister Reto Baumgartner am Sonntagabend kurz nach 19 Uhr haben durchaus ihre Berechtigung. Am Nachmittag hat es sintflutartig geregnet in Frauenfeld. Und das Wasser ist natürlich auch auf den gegen 20 Ster grossen Holzhaufen niedergeprasselt, der auf der Rüegerholzwiese steht. Das Holz – Abfallholz von Frauenfelder Strassenrändern – sei sehr dicht geschichtet, sagt Baumgartner, der sonst nicht fürs Feuer, sondern beim städtischen Werkhof für die Entwässerungsanlagen zuständig ist. So ist das Holz nur oberflächlich feucht, hoffentlich.

Am wichtigsten ist aber sowieso die Scheiterbeige, die Baumgartner mitten im Funken aufgebaut hat. Durch einen kleinen Tunnel kommt er dorthin, wo er von innen anfeuern kann. Ohne Hilfsmittel geht's aber nicht. Als «Anzündwürfel» dienen WC-Papierrollen, die Baumgartner in einer Flüssigkeit getränkt hat. Was das für eine Flüssigkeit ist, verrät Baumgartner nicht. Es ist definitiv kein Diesel.

Kein Diesel zum Anfeuern

Wie viel Diesel im Funken sei, zündet Manfred Steinacher Funkenmeister Baumgartner an. Steinacher ist als Maschinist ranghöchster Feuerwehrmann der sechsköpfigen Saalwache. Die Feuerwehrleute lachen. «Alles biologisch abbaubar», gibt Baumgartner zurück. Dass die Feuerwehr Saal- oder in diesem Fall Funkenwache macht, ist Vorgabe der Stadt, welche die Funkenfeier zusammen mit dem Männerchor Kurzdorf-Huben organisiert. Der nassen Wiese sei Dank, dass Steinacher und seine Männer einem unproblematischen Abend entgegensehen.

Draussen tröpfelt es ab und zu. Drinnen sorgt der Alleinunterhalter Daniel Studer alias «Naturtalänt» mit Stimmungsmusik für Festambiente. Und die Festbänke füllen sich allmählich. Schliesslich werden es 250 Besucher sein, die sich vom Männerchor mit Tranksame und Grilladen verköstigen lassen. Bei den Kindern steigt die Vorfreude auf den ersten Vulkan und den riesigen Haufen Feuer. Noch stehen aber Programmpunkte in der Festhalle an: zuerst die Festrede der höchsten Frauenfelderin Ursula Duewell, später eine Feuershow von Pyro-Künstler Christian Ziegler.

Schweizer waren Migranten

Die Frauenfelder Gemeinderatspräsidentin Ursula Duewell zieht in ihrer engagierten und auch fordernden Ansprache einen historischen Rahmen vom Auswandererland Schweiz im 19. Jahrhundert zur aktuellen Flüchtlingsthematik. Mit dem Sieg der liberalen Kräfte im Sonderbundskrieg 1847 und der Bundesverfassung von 1848 habe die moderne Geschichte der Schweiz begonnen. Im 20. Jahrhundert habe das Land eine positive wirtschaftliche Entwicklung genommen. Die jüngste Vergangenheit habe aber gezeigt: «Politisch wird innerhalb Europas ein Sonderfall <Schweiz> nicht mehr akzeptiert.» Um die eigene Selbständigkeit zu erhalten, müsse die Schweiz «geschickt agieren und dabei auch Kompromisse eingehen». Duewell appelliert an die Zuhörer, Verantwortung zu übernehmen, «und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für die Gesellschaft». Es könne zwar keine Pflicht geben für reiche Länder, «alle Armen dieser Welt aufzunehmen». Gleichwohl habe die Schweiz moralische Verpflichtungen, etwa Nothilfe zu leisten, Menschen schnell zu integrieren und auch mitzuhelfen, «dass wirtschaftlich schwache Länder selber taugliche Sozialmodelle aufbauen können». Am wichtigsten sei aber der Schutz der eigenen kulturellen Identität. So dürfe nicht toleriert werden, dass eine Minderheit die Scharia über die Bundesverfassung stellt oder dass Frauen systematisch diskriminiert werden. «Geben wir Hoffnung, aber nach unseren Regeln», fordert Duewell auf.

Der Funken hat dann auch noch gebrannt. Kurz vor 22 Uhr besammeln sich die Kinder zum Fackelumzug. Beim Funken angekommen werfen sie ihre Fackeln ins Holz. Funkenmeister Baumgartner entfacht derweil von innen. Schon nach zehn Minuten brennt der Tannenbaum, der aus dem Holzhaufen herausragt. Und bald tanzen die Funken im Nachthimmel.

Langsam beginnt er zu brennen: Der Funken vor der Festhalle Rüegerholz, beobachtet von einem kleinen Mädchen und ihrem Papa. (Bild: Andrea Stalder)

Langsam beginnt er zu brennen: Der Funken vor der Festhalle Rüegerholz, beobachtet von einem kleinen Mädchen und ihrem Papa. (Bild: Andrea Stalder)