FRAUENFELD: Ein Bauer als Richter und Henker

Ein Bauer und Bauunternehmer aus dem Raum Frauenfeld lässt seinen landwirtschaftlichen Hilfsarbeiter auch auf seinen Baustellen arbeiten. Er bezahlt ihm zwar einen höheren Lohn, aber nicht den vorgeschriebenen. Das geht gar nicht, sagt der Unia-Vertreter.

Ida Sandl
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Der Kanadier André Mac Kinnon und der Slowake Slavomir Cuchran erheben schwere Vorwürfe gegen einen Bauern aus der Region Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Der Kanadier André Mac Kinnon und der Slowake Slavomir Cuchran erheben schwere Vorwürfe gegen einen Bauern aus der Region Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Das Mass war voll. Slavomir Cuchran hat seinen ehemaligen Chef bei der Polizei angezeigt. Es sind gleich mehrere Vorwürfe, und sie wiegen schwer: Vier Monate Lohn schulde ihm der Bauer aus der Region Frauenfeld. Die Kinder- und Haushaltszulagen von 500 Franken im Monat habe er ihm nie ausbezahlt. «Allein das macht 20 000 Franken aus», rechnet Cuchran vor.

Hilfsarbeiter mit Mietabzug

Cuchran (42) ist Slowake. Vor vier Jahren kam er auf den Bauernhof in der Nähe von Frauenfeld als landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter, für 4300 Franken Bruttolohn plus 170 Franken Spesen. Nach allen Abzügen – 990 Franken musste er allein für die Unterkunft und Verpflegung bezahlen – blieben ihm noch rund 2400 Franken.

Dafür sollte Cuchran laut Vertrag 55 Stunden – verteilt auf sechs Tage – die Woche arbeiten. Auf dem Bauernhof sei er aber kaum eingesetzt worden – der Landwirt hat auch noch einen Baubetrieb. «Zu 90 Prozent habe ich auf Baustellen gearbeitet.» Für die Arbeit auf dem Bau gelten jedoch andere Bedingungen. Der Gesamtarbeitsvertrag (GAV) Bau schreibt eine Höchstarbeitszeit von 45 bis 50 Stunden pro Woche vor und einen Mindestlohn von 4477 Franken, ausserdem muss der Arbeitgeber Beiträge an die Frühpensionierung einzahlen. Statt an sechs Tagen wie in der Landwirtschaft darf nur an fünf Tagen gearbeitet werden.

Höheren Lohn bezahlt

Gegenüber unserer Zeitung rechtfertigt der Bauer Cuchrans Einsatz auf Baustellen damit, dass er ihm ja einen höheren Lohn gezahlt habe, als für landwirtschaftliche Hilfskräfte üblich sei. Stefan Brülisauer, Leiter der Unia-Sektion Thurgau, kann darüber nur den Kopf schütteln. «Man kann Arbeitsverträge nicht einfach mischen.» Sobald ein Arbeiter auf der Baustelle arbeitet, gelte der GAV. Setze der Bauer seine Mitarbeiter sowohl in der Landwirtschaft als auch auf dem Bau ein, dann müsse er dies sauber trennen und unter Umständen zwei Arbeitsverträge abschliessen. «Dieser Mann versteht das Gesetz nicht», sagt Brülisauer. Das sei unlauterer Wettbewerb gegenüber anderen Baufirmen, die sich an das Gesetz halten. «Er betreibt Lohndumping, so kann er immer billiger sein als die anderen.»

Zulagen gegen Versicherung

Cuchran habe es abgelehnt, mit Tieren zu arbeiten, verteidigt sich der Bauer. Deshalb habe er ihn auf den Baustellen eingesetzt. Er habe ihm einen neuen Vertrag angeboten, das habe Cuchran aber abgelehnt.

Zusammen mit dem Arbeitsvertrag habe der Bauer nämlich auch die Sache mit den Kinderzulagen bereinigen wollen. Denn er ist der Meinung, Cuchran sei verpflichtet, seine Frau und seine Kinder, die in der Slowakei leben, in der Schweizer Krankenkasse mitzuversichern, da er angegeben habe, seine Frau arbeite nicht.

Cuchran habe sich aber geweigert, dies zu tun. Solange das nicht geregelt sei, wolle er ihm auch die Kinderzulagen nicht auszahlen. Weil der neue Arbeitsvertrag nicht zustande kam, kassierte der Bauer weitere acht Monate die 990 Franken für Unterbringung und Verpflegung, obwohl Cuchran bereits in einer eigenen Wohnung in Müllheim lebte. «Er ist einfach ausgezogen, ohne mit mir zu reden», sagt der Bauer.

Die Situation zwischen Chef und Angestelltem spitzte sich zu. Im Sommer 2015 schaltete Cuchran zuerst das Thurgauer Arbeitersekretariat, dann einen Anwalt ein. Ein Landsmann, der seit Längerem in der Schweiz lebt, half ihm dabei. Dieser stellt auch den Kontakt zum «Blick» her, der die Geschichte aufgedeckt hat.

Im Januar 2016 kam es zum endgültigen Zerwürfnis. Nach einem Streit auf der Baustelle kündigte der Bauer Cuchran fristlos. Am nächsten Tag habe Cuchran ein ärztliches Attest gebracht, dass ihm die Arbeitsunfähigkeit bescheinigte. Das brachte den Bauern dermassen auf die Palme, dass er ihn bei der Arbeitslosenkasse nicht angemeldet habe. «Ich hatte den Eindruck, er will das Schweizer Sozialsystem ausnützen.»

Lohn einbehalten für Schaden

Der Kanadier André Mac Kinnon (37) arbeitete ein paar Jahre bei demselben Bauern. Er war als Maschinist angestellt. Überstunden seien ihm nicht bezahlt worden, kritisiert er. Der 13. Monatslohn für 2015 sei zwar auf dem Steuerauszug aufgeführt, aber bis jetzt habe er ihn noch nicht bekommen.

Der Bauer gibt dies zu. Er habe den Monatslohn einbehalten, da Mac Kinnon «grob fahrlässig» einen grossen Schaden auf einer Baustelle verursacht habe. «Sobald die Versicherung zahlt, bekommt er sein Geld.»

Aus Sicht von Unia-Sektionsleiter Brülisauer überschreitet der Bauer und Unternehmer mit solchen Aktionen masslos seine Kompetenzen. «Er spielt Richter und Henker zugleich.» Er dürfe weder Kinderzulagen noch Löhne als Strafaktionen einbehalten. Ob der Arbeiter seine Familie richtig versichert habe, sei Sache des Sozialversicherungszentrums. Ob ein Arbeiter grob fahrlässig gehandelt habe, müsse die Versicherung feststellen.

Klar sein dürfte, dass die Fälle untersucht werden: Abgesehen von der Strafanzeige, die Cuchran eingereicht hat, läuft nämlich auch bei der paritätischen Berufskommission Bau ein Rechtsverfahren gegen den Bauern.

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