FRAUENFELD: Doch nicht ganz so weit

Thurgau – Hölle und Verdammnis? Am Podium anlässlich des 20. «Pink Apple» diskutieren die Gäste über Homophobie in Kirche und Gesellschaft. Einiges – aber nicht alles – sei besser geworden.

Donat Beerli
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Moderator und Pink-Apple-Mitbegründer Daniel Bruttin und Gäste: Mitbegründerin Susanne Dschulnigg, Alois Carnier von der christkatholischen Kirche Schaffhausen und Stadtpräsident Anders Stokholm. (Bild: Reto Martin)

Moderator und Pink-Apple-Mitbegründer Daniel Bruttin und Gäste: Mitbegründerin Susanne Dschulnigg, Alois Carnier von der christkatholischen Kirche Schaffhausen und Stadtpräsident Anders Stokholm. (Bild: Reto Martin)

Ihre Ruhe haben sie heute, die Besucher des schwullesbischen Filmfestivals. Die Zeit der Beschimpfungen durch christliche Fundamentalisten ist Geschichte. Doch wie steht es genau um die Akzeptanz von Homosexuellen in der Gesellschaft heute? Sind wir so viel weiter als noch vor 20 Jahren? Und wie steht die Kirche eigentlich zum Thema Homosexualität? Darüber diskutieren Susanne Dschulnigg, Mitgründerin «Pink Apple» und evangelische Kirchenpräsidentin in Kreuzlingen, Alois Carnier, Mitglied der christkatholischen Kirche Schaffhausen, und Stadtpräsident Anders Stokholm im Cinema Luna.

Sie müsse man nicht fragen, sagt Susanne Dschulnigg auf die Frage, was sich in den letzten Jahren für Lesben und Schwule verändert hat. «Mir ist es eigentlich immer gut gegangen. Wenn ich etwas wollte, habe ich mich dafür eingesetzt.» Auch Alois Carnier – vor 30 Jahren geoutet – seien wenig Steine in den Weg gelegt worden. «Wenn du für etwas einstehst, kommt es nicht drauf an, wer du bist.» Die Gesellschaft sei sicher offener geworden, wenn auch nicht in jeder Hinsicht. Carnier weiss, wovon er spricht. Er ist Teil eines Teams, das mit Jugendlichen ab der Sekundarschule über Homosexualität spricht. «Die Vorurteile gegenüber uns sind leider geblieben.» Nicht beziehungsfähig und promisk zum Beispiel. «Jedes Jahr wieder von neuem», sagt Carnier.
Vor 20 Jahren kein Thema, heute normal – der Stadtpräsident am «Pink Apple». «Es ist schön, diesen Anlass nach wie vor bei uns zu haben», sagt Anders Stokholm, der 1998 als erster Pfarrer in der Ostschweiz ein homosexuelles Paar traute. «Traute ist nicht ganz richtig», wie der Stadtpräsident sagt. «Hochzeit» habe er die Zeremonie genannt. Denn das Wort Trauung war damals wie heute nur ungleichgeschlechtlichen Paaren vorbehalten. Genau das sei das Problem, sagt Carnier.
«Wir wollen einfach nur die gleichen Rechte.» Ausserdem gebe es auch heute nach wie vor Pfarrer, die gleichgeschlechtlichen Paaren eine Zeremonie verweigern würden.

«Pink Apple» bleibt wenig durchmischt

Nach der Diskussion tauschten sich Frauen und Männer beim Kuchenessen aus. Wie steht es eigentlich um die Durchmischung der Besucher am «Pink Apple»? «Heteros kommen leider nur wenige», gibt Stefan Zehnder von der Festivalleitung zu. Berührungsängste gebe es nach wie vor. «Schade», findet er, denn eigentlich sei das ja auch ein Grundgedanke von damals gewesen, der Austausch mit Heteros und Abbau von Vorurteilen.
In Zürich sei die Situation jedoch nicht anders. Das «Pink Apple» bleibe in erster Linie ein Ort für die Schwulen- und Lesbenszene. «Vielen Heteros ist nicht bewusst, dass schwullesbische Filme einfach auch gute Filme sein können», meint eine Besucherin. Es bleibt also bezüglich Aufklärungsarbeit noch einiges zu tun.

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