FRAUENFELD: «Die Zeit war reif»

Ab heute flimmern am Pink Apple zum 20. Mal schwullesbische Filme über die Leinwand. Initianten erzählen von protestierenden Fundamentalisten, Aufbruchstimmung und einer zögerlichen Stadtverwaltung.

Donat Beerli
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Ein Demonstrant stellt Anfang der Nullerjahre vor dem ehemaligen ­Cinema Luna an der Bahnhofstrasse ein Schild auf. (Bilder: PD)

Ein Demonstrant stellt Anfang der Nullerjahre vor dem ehemaligen ­Cinema Luna an der Bahnhofstrasse ein Schild auf. (Bilder: PD)

Donat Beerli

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@thurgauerzeitung.ch

«Ihr wandert direkt in die Hölle.» Susanne Dschulnigg kann sich noch gut an die Worte der christlichen Fundamentalisten erinnern, die vor 20 Jahren vor dem Cinema Luna standen und mit Bibelzitaten gegen das «Pink Apple» protestierten. Dschulnigg war die Frau im Viererteam, das 1997 das schwullesbische Filmfestival in Frauenfeld initiierte und 1998 zum ersten Mal durchführte. «Der Kanton war damals ein anderer», sagt sie. Kein Ort, wo sich Homosexuelle verabredeten. In der Bevölkerung habe man das Thema totgeschwiegen. «Obwohl es uns ja schon immer gegeben hat», sagt Dschulnigg und lacht.

Als Lesbe oder Schwuler ging man nach Konstanz oder St. Gallen, um unter Gleichgesinnten zu sein. «Die Zeit für den Thurgau war reif», sagt sie. Obwohl Dschulnigg selbst filmisch eher «unterbelichtet» gewesen sei, hätten die Männer sie trotzdem ins Team geholt. «Ich war ja im Thurgau nicht ganz unbekannt.» Die ehemalige Kantonsrätin erinnert sich gern zurück. An die gute Stimmung in den Sitzungen, die interessanten Filme, die spannenden Diskussionen mit Fremden und Freunden – und an die anschliessenden Partys. «Es war eine lustvolle Zeit.»

Mit Name, aber ohne Foto in der Zeitung

Die Pink-Apple-Initianten wollten vor allem eines: zeigen, dass es auch im Thurgau Schwule und Lesben gibt – und dass ihre sexuelle Ausrichtung normal ist. «Wir wollten sichtbar werden», sagt Dschulnigg. Sichtbar, ja – mit Foto in die Zeitung nur teilweise. Auch Dschulnigg war anfangs zurückhaltend im Umgang mit Medien. «Ich habe zwar meinen Namen gegeben, ein Foto von mir wollte ich aber nicht in der Zeitung sehen in den ersten Jahren.» Es seien andere Zeiten gewesen. «Einige, die mitmachten, wussten nicht, wie der Arbeitgeber reagieren würde.»

Daniel Bruttin stand von Anfang an vor die Kamera. Der ­damalige Leiter der Aids-Hilfe Thur­gau hatte Susanne Dschulnigg zusammen mit Thomas Müller und Roland Loosli ins Boot geholt. «Die Lesben- und Schwulenszene war getrennt, doch wir wollten etwas Gemeinsames machen», sagt Bruttin. Aufregend seien die Anfangszeiten gewesen, «es herrschte Aufbruchstimmung im Kanton».

Schweizer Vertriebe für Schwulen- und Lesbenfilme gab es damals noch nicht, die 35-Millimeter-Filmstreifen holte das Pink-Apple-Team in Konstanz ab, die Untertitel schrieb man auf eine Power-Point-Präsentation. Eine Frage blieb: «Wird überhaupt jemand kommen?» Sie kamen. 500 bereits im ersten Jahr. Während acht Wochen wurde jeden Montag im Cinema Luna ein Film gezeigt. «Schön war für uns vor allem auch die Anerkennung, die wir von Homosexuellen erfuhren», sagt Bruttin.

Frauenfeld bleibt ein wichtiger Teil des Festivals

Auch er erinnert sich an die De­monstranten, «den Rütli-Bund», der die Besucher belehren und bekehren sollte. Aggressiv seien sie aber nie aufgetreten. Was Bruttin mehr Sorge bereitete, war die Unklarheit darüber, wem man überhaupt gegenüberstand. «Wir wussten nicht, wer unsere Gegner waren.» Fest steht, dass die Stadt Frauenfeld das Festival in den Anfangszeiten nicht finanziell unterstützte. Der damalige Stadtpräsident habe sich nie an einer Aufführung gezeigt. «Eingeladen haben wir ihn immer», sagt Buttin. Der Kanton war liberaler, Pink Apple wurde ziemlich schnell durch den Lotteriefonds unterstützt. Vreni Schawalder, erste Regierungsrätin, hielt beim ersten Mal sogar die Eröffnungsrede. «Das war ein Highlight», erinnert sich Bruttin.

2000 expandierte das Festival nach Zürich, 2003 wurde es zum ersten Mal dort und nicht in Frauenfeld eröffnet. Bruttin war noch bis vor zehn Jahren im OK dabei; er erlebte, wie «Pink Apple» grösser und professioneller wurde. Im vergangenen Jahr kamen rund 9800 Besucherinnen und Besucher. Und trotzdem: Frauenfeld ist ein fester Bestandteil des Festivals geblieben. «Hier liegt der Ursprung unserer Geschichte, es ist schön, dass wir immer noch ein Spezialprogramm haben.»

Bruttin war vorgestern selbst in Zürich. Dort hat ihn jemand erkannt und sich bei ihm bedankt. Für die Arbeit von damals, vor 20 Jahren. «Da darf man schon ein wenig stolz sein.»

Filme und Diskussion

Nebst den Filmen, die im Cinema Luna gezeigt werden, finden Samstag und Sonntag zwei Podiumsdiskussionen statt. Weitere Infos: www.pinkapple.ch