FRAUENFELD: Die Rute bleibt im Gürtel

Über 6000 mit Leckereien gefüllte Säcklein gab es gestern am Chlausumzug. Die Kinder sagten brav ihr Sprüchlein auf.

Hugo Berger
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Ein Kind sagt dem Chlaus sein Sprüchlein auf. (Bild: Hugo Berger)

Ein Kind sagt dem Chlaus sein Sprüchlein auf. (Bild: Hugo Berger)

Täuscht es oder ist es wirklich so? Die Kinder, die mit Mami und Papi am Sonntag in der Altstadt unterwegs sind, scheinen alle lieb und brav zu sein. «Gell, der Nikolaus ist nicht böse», fragt ein Mädchen seine Eltern. «Nein», erwidert die Mutter und ergänzt: «Jedenfalls nicht zu den braven Kindern.»

Da und dort sagt ein Kind noch einmal das Sprüchlein auf, das es dem Chlaus vortragen will. Dann endlich ist es so weit: Der von zwei geschmückten Pferden gezogene, mit Tannenreisig geschmückte Wagen taucht in der Zürcherstrasse auf. Sofort ist er von einer Menschenmenge umringt. Aus dem kleinen Fenster schaut das bärtige Gesicht eines Chlauses. Er verteilt die mit Leckereien gefüllten Chlaussäckli. Die 19 Chläuse, die hinter dem Wagen hergehen, haben ebenfalls alle Hände voll zu tun. Doch sie lassen sich Zeit, knien sich zum Kind nieder, hören sein Sprüchlein an, und reden ein paar Worte mit ihm. Sie fragen es etwa nach seinem Lieblingsspielzeug oder wie es in der Schule geht.

Die Rute bleibt selbstverständlich im Gürtel stecken. Auch ältere Menschen freuen sich an den bärtigen Männern in der braunen Kutte. «Ich wollte unbedingt den Umzug mit den Frauenfelder Chläusen sehen», sagt beispielsweise eine 92jährige Besucherin aus der Innerschweiz.

Die Chläuse sind am Sonntag früh aufgestanden. Denn vom Ochsenfurter Wald ennet der Thur bis in die Stadt ist es ein weiter Weg. Bereits um 9 Uhr waren sie in der Werkhalle der Technischen Betriebe dabei, die Tische und Bänke zu versorgen, an welchen sie am Vortag die über 6000 Päckli bereitgestellt hatten. Rund hundert Helfer und Helferinnen, unter ihnen auch Prominente wie Regierungsrat Jakob Stark und der Musiker Pepe Lienhard, haben fleissig abgefüllt und verpackt. In einem hinteren Raum liessen sich andere vor dem Spiegel sitzend von flinken Damenhänden in richtige Chläuse verwandeln. Die Bartperücke besteht aus silbernem Büffelhaar und kostet über 2000 Franken.

Dass die Frauenfelder Chläuse braune Kutten tragen, erklärt René Weber, Präsident der Chlausgesellschaft Frauenfeld, so: Die braune Kutte sei ein Zeichen der Bescheidenheit und passe zu Frauenfeld; das Purpurrot sei früher der Oberschicht vorbehalten gewesen. «Wir tragen braun. Wer rote Chläuse will, muss sie andernorts suchen.» Am Chlausumzug gebe es jeweils wunderbare Begegnungen mit Kindern, die teils keck, teils schüchtern ihr Sprüchlein aufsagten und dem Chlaus kleine Geschenklein wie Zeichnungen und Selbstgebasteltes zusteckten, erzählt René Weber. «Da ist etwa ein schwerbehindertes Kind, das einem anstrahlt und für das die Welt in diesem Moment vollkommen in Ordnung ist», freut er sich.

Nicht nur die Kinder kommen in den Genuss der Säckli; auch die Patienten und das Personal im Kantonsspital und die Frauenfelder Altersheime werden von den Chläusen beschert. Es ist heuer der 86. Umzug der Frauenfelder Chlausgesellschaft. Hervorgegangen ist sie aus der Fasnachtsgesellschaft Vogelzitsch.

Der Chlauswagen bahnt sich seinen Weg durch die Menge.

Der Chlauswagen bahnt sich seinen Weg durch die Menge.

Die Eselin Kora stösst bei den Kindern fast auf mehr Anklang als der Chlaus. (Bilder: Hugo Berger)

Die Eselin Kora stösst bei den Kindern fast auf mehr Anklang als der Chlaus. (Bilder: Hugo Berger)