FRAUENFELD: Die Poesie eines Miststocks

Das Kantonale Naturmuseum widmet Künstler Jürg Schoop eine Ausstellung. Darin rückt das vermeintlich Unspektakuläre in den Fokus. Am Freitagabend war Vernissage.

Christof Lampart
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Die Vernissage-Besucher begutachten die ausgestellten Bilder im Kantonalen Naturmuseum. (Bild: Christof Lampart)

Die Vernissage-Besucher begutachten die ausgestellten Bilder im Kantonalen Naturmuseum. (Bild: Christof Lampart)

Sie haben etwas gemeinsam, die beiden Fotoserien, die in einem kleinen Raum im zweiten Obergeschoss des Thurgauer Naturmuseums ausgestellt sind: Beide haben das Unspektakuläre im Blick – und stellen es fokussiert in den Mittelpunkt. Die sogenannte Kabinett-Ausstellung, die so heisst, weil sie lediglich einen kleinen Raum umfasst, stammt vom Kreuzlinger Kunstschaffenden Jürg Schoop.

Während sich die eine Serie  mit Miststöcken beschäftigt, zeigt die andere verwitterte Schieferplatten. In beiden gelingt es Schoop, der über seine Arbeit selbst sagt, dass «die Wahrheit auf dem Boden liegt», jene Momente bildlich einzufangen, wo Zufall und Präzision sich kreuzen, und somit Prozesse atmosphärisch für die Betrachtenden fassbar machen. Oder wie sonst sollte es gelingen, dass ein Dutzend Leute nicht nur den Raum füllt, sondern dass die Besucher abwechselnd fasziniert vor einem Foto stehen bleiben, das im Grunde nicht mehr als einen verschneiten Miststock zeigt, auf dem einige weggeworfene Orangen gleichsam aus den Bildern herausleuchten?

Ihn fasziniert die Wandelbarkeit der Natur  

Man spürt die Achtsamkeit, mit welcher Schoop sich dem Unspektakulären nähert. In seinen Augen scheint es tatsächlich nichts Unspektakuläres zu geben, sondern nur Dinge, welche von den meisten Menschen aufgrund ihrer vordergründigen Banalität zu wenig gewürdigt werden. Genau das ändert Schoop durch sein genaues Hinsehen. Dabei ist er selbst überhaupt kein ausgemachter Naturfreund, wie er an der Vernissage im Kantonalen Naturmuseum in Frauenfeld erklärte. Diese fand aus Platzgründen nicht im Kabinett selbst, sondern im Vorgarten des Museums statt. Was ihn jedoch an der Natur besonders interessiere, sei ihre Fähigkeit, sich ständig zu wandeln. «Ich interessiere mich vor allem für die Veränderungsstrategien der Natur, die sich in den Alterungs- und Verrottungsprozessen manifestieren», erklärte Schoop.

Eine Bereicherung für die Kunstschaffenden

Der Direktor des Naturmuseums Thurgau, Hannes Geisser, verwies vor gut 40 Gästen darauf, dass die Zusammenarbeit mit Kunstschaffenden im Naturmuseum Thurgau Tradition habe. Dabei hätten diese Kooperationen mit den verschiedensten Kunstsparten es nie zum Ziel gehabt, andere Kulturveranstalter zu konkurrenzieren, beteuerte er. Vielmehr sei es «für beide Seiten bereichernd», wenn Kunstschaffende für einmal ihren «gewohnten Raum verlassen».
Und doch sind sich das Naturmuseum und Schoops Schaffen viel näher, als man auf dem ersten Blick meinen könnte. Denn die Natursujets Schoops entsprechen dem Anspruch des Naturmuseums, die Besuchenden für die «Natur vor der Haustüre» zu begeistern, wie Geisser erklärte. «Jürg Schoop rückt Unauffälliges ins Zentrum unserer Wahrnehmung und lenkt mit Achtsamkeit und Witz unseren Blick auf das Nebensächliche», sagte Geisser.

Und so entpuppe sich, was zuerst wie ein Schnappschuss vom Wegesrand aussieht, bei genauem Hinsehen als ein prächtiges «Landschaftsgemälde». Die Schoop-Ausstellung im Naturmuseum Thurgau mag klein sein, sehenswert ist sie aber auf jeden Fall.