FRAUENFELD: Die Leiter zum Froschkönig

Auf dem Weg zur Vorzeigestadt in Sachen Amphibienschutz: Seit kurzem sind rund um die Oberfeldstrasse Froschleitern installiert. So können sich die kleinen Quaker aus den Schächten retten.

Mathias Frei
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Werkhofchef Markus Graf hat einen Schacht geöffnet und begutachtet die installierte Froschleiter. (Bild: Mathias Frei)

Werkhofchef Markus Graf hat einen Schacht geöffnet und begutachtet die installierte Froschleiter. (Bild: Mathias Frei)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Zuerst dachte Markus Graf bei Froschleitern an ein Märchen. Vom Frosch, der aus dem tiefen Brunnen die Leiter hochkraxelte und sich von der Prinzessin küssen liess. Aus dem Prinzen und seiner Prinzessin im Werkhof wurde zwar nichts. Aber dafür weiss der Amtsleiter des städtischen Werkhofs mittlerweile, was eine Froschleiter ist. Und er zeigt sich sehr angetan von der einfachen sowie kostengünstigen Massnahme zur Rettung von Amphibien.

Laut groben Schätzungen verenden in der Schweiz jährlich über eine Million Amphibien in Abwasserschächten. Frösche, Kröten und ähnliches Getier fallen in die Schächte und kommen nicht mehr raus. Um dem in Frauenfeld entgegenzuwirken, sind nun seit kurzem Froschleitern installiert. Insgesamt 50 Stück hängen in Schächten an der Oberfeldstrasse, Unterfeldstrasse, Speicherstrasse, Langwies­strasse und Buechhölzli­strasse.

Kostengünstiges Baumaterial rettet Leben

Eine Froschleiter ist nichts weiter als ein auf die Höhe des Schachts zugeschnittenes Stück Böschungsmatte (auch Krallmatte genannt). Das sind dreidimensionale Matten aus sehr beständigem Kunststoff, die normalerweise verwendet werden, um eine Böschung vor Erosion zu schützen. Die Böschungsmatte ist am Schachtgitter mit Chromstahlkabelbindern fixiert und reicht bis zum Schachtboden hinunter. Sie hängt also gewissermassen im Schacht. So können Frösche auf der Matte nach oben klettern und entkommen.

Die Idee der Froschleiter ist nicht neu. Man kennt sie bereits in Teilen Schottlands oder Deutschlands. Auch in der Schweiz gibt es Systeme, die aber bis zu 600 Franken pro Leiter kosten. Eine Frauenfelder Froschleiter dagegen kostet gerade mal 20 Franken. Zudem ist das Prinzip der hängenden Böschungsmatte neu. Bislang waren die Leitern an der Schachtwand befestigt. Wenn der Schacht gereinigt wurde, musste zuvor jeweils die Installation entfernt werden. Das war zeitaufwendig. Nun kann einfach der Deckel entfernt und dann gespült werden. Das neuartige Befestigungsprinzip hat der Zürcher Amphibienspezialist John Evard entwickelt. Er ist Präsident des Amphibienschutz-Vereins Frog The Planet. Evard und weitere ehreamtlich arbeitende Vereinsmitglieder ­haben die Leitern in Frauenfeld gratis eingebaut. So hoffe man, einen Fuss in den Thurgau zu ­bekommen, sagt der Amphibienschützer. Frog The Planet konnte solche Froschleitern bereits in rund 20 Gemeinden in den Kantonen Zürich und Aargau reali­sieren. Im Thurgau ist Frauenfeld der erste Standort. «So wird die Kantonshauptstadt zur Vorzeigestadt in Sachen Amphibienschutz», sagt Evard. Das Prinzip der hängenden und damit unterhaltstauglichen Froschleitern sei «keine Hexerei», sagt er. Es gehe einfach darum, kostengünstige Baumaterialien für den Naturschutz zu zweckentfremden.

Engagement von Frog The Planet hat beeindruckt

«John Evard kam auf uns zu», sagt Werkhofchef Graf. Daraufhin hätten sich Reto Baumgartner, Bereichsleiter Unterhalt Entwässerungsanlagen beim Werkhof, und er sich das System vorführen lassen. «Nicht zuletzt beeindruckte mich auch das ehrenamtliche Engagement des Vereins», sagt Graf. So entschloss er sich, in 50 Schächten, die üblicherweise zwischen 1,50 und 1,80 Meter tief sind, solche Leitern installieren zu lassen. Man habe sich bewusst für ein Gebiet entschieden, das nahe an einem Wald liegt und wo es vermehrt Frösche gebe.

Die 50 Leitern sind für den Werkhof ein Pilotprojekt. Reto Baumgartner wird nun für längere Zeit zwischen den Schächten mit und solchen ohne Froschleiter vergleichen. Wenn sich das System bewähre, sei ein Ausbau auf jeden Fall möglich, sagt Graf. Auf dem ganzen Stadtgebiet gibt es rund 6000 Schächte. Für eine Froschleiter kämen wohl 500 bis 1000 Schächte in Frage, schätzt der Werkhofchef. Das würde eine Einmalinvestition von maximal 20000 Franken bedeuten. «Wenn die Leitern funktionieren, retten wir damit sehr gerne viele Froschleben.»