FRAUENFELD: Die besondere Lebensgemeinschaft

Eine Konstante für die Katholiken im Seebachtal: Pfarrer Josef Gründler. 48 Jahre haben er und seine Haushälterin Berta Frei im Herdemer Pfarrhaus gelebt. Nun sind sie ins Altersheim nach Frauenfeld gezogen.

Christine Luley
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In der Stadtgarten-Cafeteria: Pfarrer Josef Gründler, seine Haushälterin Berta Frei und ihre Erinnerungen. (Bild: Christine Luley)

In der Stadtgarten-Cafeteria: Pfarrer Josef Gründler, seine Haushälterin Berta Frei und ihre Erinnerungen. (Bild: Christine Luley)

Christine Luley

frauenfeld

@thurgauerzeitung.ch

Ein älteres Paar. Vor ihnen Erinnerungen in Form eines Fotos. Ernst dreinblickende Patres in schwarzen Soutanen und jungen Männern in Anzug und Krawatte. «Sind Sie auch drauf, Herr Pfarrer?», fragt Berta Frei. Josef Gründler verneint.

Und erzählt, dass er schon als Kind Priester werden wollte, den Übertritt ins Gymnasium aber nicht wagte, weil ihm Sprachen nicht lagen. Wie er bei den Arbeiten auf dem elterlichen Hof nebenbei Vokabeln aus einem von Pfarrer Eigenmann geschenkten Lateinbuch büffelte. 1951 erfolgte eine Einladung des Seelsorgers: «Wenn du immer noch studieren willst, nehme ich dich nächste Woche mit nach Ebikon.» Der damals 25-Jährige folgte dem Ruf und bereitete sich im Studienheim für Spätberufene, wie das Gymnasium St. Klemens in Ebikon hiess, auf die Matura vor. Nach Abschluss der Studien am Priesterseminar in Luzern und Innsbruck folgte 1961 die Priesterweihe. Nach zwei Zwischenstationen als Kaplan führte ihn der Weg als neu gewählten Pfarrer nach Herdern. Zu Beginn traf der Friedliebende auf erhitzte Gemüter, wegen des geplanten Baus der Heimstätte Chapf. Aber das ist längst Geschichte.

Die Pfarrei als Familie

Erinnerungen und Erlebnisse haben die Zeit ausgefüllt. Josef Gründler war und ist mit Leib und Seele Pfarrer. Im Jahr 1996, nach dem Erreichen des Pensionsalters, nahm er als priesterlicher Mitarbeiter weiterhin seelsorgerische Aufgaben wahr. Auch Berta Frei, seine Haushälterin, ging damals nicht in den Ruhestand. Sie liess den Herrn Pfarrer nicht allein. Die beiden sind ein Team und schauen zueinander.

Berta Frei ist in einer kinderreichen Bauernfamilie im Thurgau aufgewachsen und lernte früh, mitzuhelfen. Nach der Schulzeit arbeitete sie in Haushaltungen, dann die Anstellung als Pfarrköchin. 48 Jahre hat sie im Hintergrund gewirkt und Pfarrer Gründler ein Zuhause geschaffen. Mit ihm in einer Lebensgemeinschaft gelebt, wie Bruder und Schwester. Der Zölibat ist für Josef Gründler eine Lebensregel. Er hat sich freiwillig dazu verpflichtet. Priester sind ehelos, Punkt.

Berta Frei würde ihren Beruf nochmals wählen, «wenn ich einen Pfarrer wie ihn erhalten würde». Seine Einfachheit, seine Anspruchslosigkeit und seine Dankbarkeit gefallen ihr. «Ich hätte keinen besseren haben können», verrät sie und lächelt verschmitzt. Während Josef Gründler ihre gesunde Grundhaltung zur Kirche, zum Glauben, «und das Anpacken mit Herz und Hand» lobt. Freundschaftlich und vertraut, eigentlich wie ein altes Ehepaar, gehen sie miteinander um. Auffallend ist, dass sich die beiden mit 93 respektive 88 Jahren immer noch siezen. Zwar hat Josef Gründler Berta Frei schon zwei Mal das Du angeboten. Sie hat aber abgelehnt. «Er ist ein Priester, und die Höflichkeitsform drückt Respekt und Achtung aus», sagt sie.

Das grosse Pfarrhaus hat viel Arbeit gegeben. Die Gartenarbeit haben sie sich geteilt. «Der Herr Pfarrer hat mit dem Zentimeter die Beetli ausgemessen und vorbereitet, ich habe die Feinarbeit übernommen», erklärt die Pfarrhausfrau.

Nach einem Stolperunfall im vergangenen Dezember merkte Berta Frei, dass etwas geschehen musste. Gesteht, dass sie überrascht war, dass der Herr Pfarrer einer Übersiedlung ins Altersheim sofort zustimmte. «Ich sah, sie braucht Erleichterung», sagt er schlicht. Glücklicherweise waren auch gleich zwei Zimmer im «Stadtgarten» in Frauenfeld frei. Beide sind mit ihrem neuen Wohn- und Lebensort zufrieden. «Ich möchte nicht mehr zurück», sagt Berta Frei. Sie schätzt es, den Tag ruhiger angehen zu können. Nicht mehr überlegen zu müssen: «Was koche ich morgen?»