Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

FRAUENFELD: Dank der Malerei aus dem Sumpf

Wegen einer spät diagnostizierten Krankheit ist ein Frauenfelder in eine Depression und später in die Alkoholabhängigkeit gerutscht. Dank einer Therapie in der Forel Klinik und der Unterstützung der Familie und der Ex-Frau steht der heute 32-Jährige wieder mitten im Leben.
Samuel Koch
Ein Jugendlicher trinkt in einer nachgestellten Szene am Bahnhof Frauenfeld Wodka aus der Flasche. (Archivbild: Susanne Basler)

Ein Jugendlicher trinkt in einer nachgestellten Szene am Bahnhof Frauenfeld Wodka aus der Flasche. (Archivbild: Susanne Basler)

FRAUENFELD. Er sitzt am Esstisch in seiner Wohnung in Frauenfeld. Seine Hände zusammengefaltet, er wirkt gefasst und doch ein wenig verletzlich. Seine Katze nähert sich, schlängelt sich um das Tischbein und beginnt zu schnurren. An der Wand hängt ein farbiges Bild. Es zeigt einen Holzsteg, der hinaus in einen See führt. «Malen hat mich immer fasziniert und mir geholfen», sagt der 32jährige Florian. Die Malerei habe ihn in der schwierigen Zeit abgelenkt. Wieder berufstätig und therapiert von seiner Alkoholsucht will er unerkannt bleiben – aus Angst, sich Steine für die Zukunft in den Weg zu legen, wie er sagt. Heute geht es ihm besser. Erzählen will er seinen Leidensweg trotzdem. «Ich möchte andere warnen.»

Am Tiefpunkt seiner Sucht hat er innert Kürze fast eine ganze Flasche hochprozentigen Alkohol getrunken – zu Hause und für sich alleine. «Ich war depressiv, wollte alle Probleme vergessen und betrunken konnte ich besser einschlafen», sagt er. Er sei halt schon immer etwas sensibler gewesen als andere. «Durch meine zurückhaltende Art bin ich in der Schule oft gehänselt worden.» Das wiederum habe Risse in seinem Selbstbewusstsein hinterlassen. Da hätte ihm auch seine Familie nicht helfen können, obwohl sie ihn immer unterstützte.

Panik mitten in der Nacht

Noch steiler bergab ging es für Florian dann während seiner Lehre zum Hochbauzeichner. Er fühlte sich jeden Tag müde und schlapp – und noch schlimmer: «Ich wusste lange Zeit nicht, warum.» Dadurch verlor er die Motivation am Arbeiten, und trotzdem schloss er die Lehre erfolgreich ab. Auch an der Berufsmittelschule (BMS) wurde es nicht besser, und das Problem mit der Müdigkeit gipfelte in Panikattacken, als er mitten in der Nacht aufwachte und fürchtete, zu ersticken. «Ich wurde hypernervös und erlitt immer schneller diese Attacken.» Ein Glas Bier half ihm, sich zu entspannen – es war der erste Kontakt mit Alkohol des damals 23-Jährigen.

Nach bestandener BMS jobbte Florian einige Jahre, um Geld zu verdienen. Mit 26 wechselte er schliesslich wieder auf seinen erlernten Beruf. «Ich kam zu einer Firma, bei der ich keine Unterstützung erhielt.» Auch deshalb begann er, alleine zu Hause zur Flasche zu greifen. Aus einem Glas Bier wöchentlich wurden innert Kürze ganze Flaschen Hochprozentiges. Nebenbei verliebte er sich, zog schon nach kurzer Zeit mit ihr zusammen und heiratete sie 2013. «Sie wusste vom Alkoholproblem», sagt Florian. Und weil es ihm peinlich war, fing er an, sich zu betrinken, sobald sie ins Bett gegangen war. «Zwischen 22 und 1 Uhr habe ich so viel getrunken, bis ich richtig voll war.»

Schlafapnoe als Auslöser

Wegen seiner zunehmend depressiven Phasen suchte Florian einen Psychotherapeuten auf. «Ich wollte von ihm ein Antidepressivum verschrieben haben.» Dieser erkannte aber einen Zusammenhang zwischen Müdigkeit und Alkohol und riet ihm, den Spital aufzusuchen. Dort hätten ihm die Ärzte schliesslich – nach all den Jahren – eine erklärende Diagnose gestellt: Schlafapnoe. Im Sumpf der Alkoholabhängigkeit befand er sich aber schon. Florian bekam eine Schlafmaske und setzte sich zum Ziel, nichts mehr zu trinken. Sein Körper aber wehrte sich mit Muskelschmerzen und Krampferscheinungen. «Es ging nicht.» Also suchte er zusammen mit seiner Frau nach einer Lösung und recherchierte im Internet.

Sie stiessen auf die Forel Klinik, ein Kompetenzzentrum für die Behandlung von Alkohol-, Medikamenten- oder Tabakabhängigen (siehe Kasten). «Beim Gespräch musste ich einen Fragebogen ausfüllen.» Dieser habe ihm einen Spiegel vorgehalten. Viel schlimmer als die Erkenntnis aber war für ihn, sich gegenüber seinem Chef zu öffnen. Nach einer Entwöhnung in den eigenen vier Wänden zog er für drei Monate fix in die Klinik.

Ein Wochenplan mit Tagesstruktur, Gruppengesprächen und einem Einzelprogramm: Morgens stand ein Spaziergang auf dem Programm, dann Gespräche oder später eine Gestaltungstherapie. «Vor allem auf die Gruppengespräche hatte ich gar keinen Bock.» Im Nachhinein habe es ihm aber geholfen, zu realisieren, dass er mit seinem Problem nicht alleine ist.

Scheidung und Arbeitslosigkeit

Nach der Klinikzeit habe er wieder zu arbeiten begonnen, und dank der Schlafmaske ging es wieder bergauf. Bis es wegen Rückfällen und anderen Unstimmigkeiten in seiner Ehe zu kriseln begann und sie schliesslich in die Brüche ging. «Das hat mich wieder voll ins Loch geworfen», sagt Florian. Denn erstmals war er jetzt alleine mit seiner Sucht – auch viele seiner Freunde wandten sich während der Zeit in der Klinik von ihm ab. «Ich fing wieder an, exzessiv zu trinken.» Wieder wollte er im Geschäft eine Lösung suchen, doch diesmal kündigte ihm sein Chef.

Nebst der Sucht war Florian von nun an auch arbeitslos. «Die anschliessenden sechs Monate waren die Hölle für mich.» In der Malerei – einer Errungenschaft aus der Therapie – blühte er aber wieder auf und schob damit auch Sucht und Langeweile zur Seite. «Ich habe schon Bilder verkauft», sagt er und jedes unterschreibt er mit «FW 214» – seinen Initialen und dem Jahr, als er mit der Therapie in der Klinik wieder auf «den richtigen Weg» fand. «Mir hätte damals nichts Besseres passieren können», sagt er.

Dank einer Arbeitsvermittlung hat er im Mai auch wieder einen Job gefunden. Den Alkohol habe er «nur sehr dosiert zum Genuss» wieder angefasst. Und mit der Ex-Frau stehe er wieder mehr in Kontakt. «Wir sind heute beste Freunde.» Zudem habe er viele Freunde aus der Therapie gefunden, mit denen er hie und da etwas unternimmt. Und etwas hat Florian nie verloren – den Glauben an sich selbst: «Ich habe viel verloren, bin aber immer wieder aufgestanden.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.