FRAUENFELD: Damals gruben Lehrer und Pfarrer

Vor 100 Jahren wurde die Thurgauische Museumsgesellschaft gegründet. Für Kantonsarchäologe Hansjörg Brem ist dies heute noch eine glückliche Tat, denn «dadurch konnte der Ausverkauf des Thurgaus verhindert werden.»

Christof Lampart
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Im Museum für Archäologie berichtete Kantonsarchäologe Hansjörg Brem über die Anfänge vor 100 Jahren. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Im Museum für Archäologie berichtete Kantonsarchäologe Hansjörg Brem über die Anfänge vor 100 Jahren. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Christof Lampart

frauenfeld@thurgauerzeitung.ch

Mit einer Führung durch das Museum für Archäologie Thurgau, die am Samstag vonstattenging, wurde das 100-Jahr-Jubiläum der Thurgauischen Museumsgesellschaft gewürdigt. In diesem Rahmen erklärte der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem, dass vieles heute im Thurgau in Sachen Altertumsforschung anders wäre, wäre auf Initiative von Gustav Büeler 1917 nicht die Thurgauische Museumsgesellschaft gegründet worden.

Zwar hätten sich bereits Ende des 18. Jahrhunderts Personen für die Vergangenheit des Thurgaus interessiert, doch seien dies vor allem Dorflehrer und Pfarrer gewesen, welche am Sonntagnachmittag in der Umgebung ein wenig gegraben hätten. Die gemachten Funde gingen oft an Private, die Grabstellen wurden wenig bis gar nicht dokumentiert und eine Sammlung, die der Allgemeinheit beziehungsweise der Forschung offenstehen sollte, gab es überhaupt nicht. Und sollte es noch lange nicht geben.

Um jedoch das bekannte kulturelle Erbe der Pfahlbauer vor dem Ausverkauf an in- und ausländische Museen und Sammler zu bewahren, wurde schon früh Geld für einen eigenen Museumsbau gesammelt. Doch hätten die Sammlungen, die im ländlichen Thurgau wenige Leute des Historischen Vereins und der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft durchgeführt hätten, nirgends hingereicht. Die Thurgauische Museumsgesellschaft verfolgte deshalb konsequent die Idee, geeignete Ausstellungsräume zu suchen. Mit Erfolg, konnte doch 1924 das «Thurgauische Museum» in Frauenfeld eröffnet werden. Allerdings sollte es noch über drei Jahrzehnte dauern, bis die Sammlungen 1958 ins Eigentum des Kantons übergingen. Sammlungen notabene, welche heute den Grundstock der Sammlungsbestände im Historischen Museum Thurgau, im Naturmuseum und im Museum für Archäologie in Frauenfeld bilden.

Regierungsrat umging Kantonsrat

Mit der Tätigkeit des bekannten Autodidakten Karl Keller-Tarnutzer, der ab 1923 als Konservator der frühgeschichtlichen Sammlung des Kantons wirkte, habe die Altertumsforschung im Thurgau einen massiven Schub erhalten. Denn der Primarlehrer habe es verstanden, komplexe Sachverhalte populärwissenschaftlich so aufzubereiten, dass sich auf einmal grosse Teile der Bevölkerung für die Hinterlassenschaften der Pfahlbauer, Römer und Alemannen begeisterten. Dennoch sei die Archäologie im Thurgau damals provinziell betrieben worden. «Wenn eine Grabung anstand, dann bewilligte der Regierungsrat sozusagen aus der eigenen Kasse das Geld», so Brem. Dabei handelte es sich jedoch mitnichten um grosse Beträge, da diese ansonsten vom Kantonsrat abgesegnet hätte werden müssen, was wiederum die Grabungen auf unbestimmte Zeit vorschoben hätte. Und das konnte und wollte sich der Kanton nicht leisten, denn Grabungen waren schon damals «Notgrabungen». Gegraben wurde nur, wenn an bekannten Fundstellen Bauten geplant waren.

Heute verfügt das 1983 gegründete Amt für Archäologie über einen Globalkredit und darüber hinaus über «viel Goodwill» bei der Thurgauer Bevölkerung, bemerkte Brem. Was gleich geblieben sei, sei die Freude an der Arbeit, denn «für Archäologen hat der Thurgau unglaublich viel zu bieten.»