FRAUENFELD: Besonders unspektakulär

Die innere Unruhe treibt diesen Mann, auch im Alter von 70 Jahren. Willi Oertigs Jubiläumsausstellung in der Stadtgalerie Baliere heisst denn auch «Unterwegs – on the road». Die realistische Ölmalerei des bekannten Thurgauer Künstlers ist ab heute zu sehen.

Mathias Frei
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Die Kuratorin und der Beamte der italienischen Finanzpolizei: Milena Oehy mit Künstler Willi Oertig. (Bild: Reto Martin)

Die Kuratorin und der Beamte der italienischen Finanzpolizei: Milena Oehy mit Künstler Willi Oertig. (Bild: Reto Martin)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Orte, die nicht auffallen und auch nicht ab, die man nur braucht, aber nicht mehr: Hier hält dieser Kerli inne, dieser grundehrliche, dieser Willi Oertig. Andere gehen vorüber, fahren weiter, schauen darüber hinweg. Oertig bleibt stehen, macht ein Bild mit seiner analogen Fotokamera. «Meine grösste Stärke ist die Intuition», sagt Oertig. Seine Motive wähle er intuitiv aus, sagt er. Bahnübergänge, Tankstellen, Telefonkabinen, Seeuferabschnitte, Stauwehre, eine Bar, ein Hotelzimmer, ein Kiosk zum Beispiel. Irgendwo draussen im Nirgendwo, verlassen oder zumindest menschenleer. Diesen Orten gibt Oertig in seiner dem Realismus verpflichteten Ölmalerei einen Wert. Das Normale wird besonders, weil es Oertig zeigt, aber nicht überhöht.

Am 25. Februar ist der Kradolfer 70 Jahre alt geworden. Zugleich feiert er sein 45-jähriges Arbeitsjubiläum. Zwei Gründe für eine Ausstellung in der Stadtgalerie Baliere, die sein Lebenswerk zeigt, viele aktuelle Exponate. Heute ist Vernissage von «Unterwegs – on the road».

Späte Tagwache heisst 8.15 Uhr

«Das Malen verleidet mir nicht, ich bin geladen, dauernd auf dem Sprung», sagt er. Höchstens einmal pro Jahr bleibe er am Morgen länger liegen. Dann ist erst um 8.15 Uhr Tagwache. Er sei immer auf der Hut, wie ein Tier. Und dann sind da diese ruhigen, einfachen Motive mit ihrer formalen Strenge. Wenn man Oertig erlebt, stellt sich einem unweigerlich die Frage, wie das zusammengeht, wie dieser Mann seine innere Unruhe katalysieren kann. «Vielleicht ist es eine Sehnsucht? Man sagt, dass solche Bilder in einem drin entstehen.» Oertig weiss es auch nicht genau. Aber er hat so ein Gefühl. So denkt er auch. «Ich bin primitiv und ehrlich», sagt er. Primitiv ehrlich wäre auch nicht falsch. Und er ist ein Chrampfer. Denn «vo nüt chunt nüt». Er weiss, dass seine Arbeit etwas wert ist und wie viel. Wenn Oertig sagt, man könne über sein Werk denken, was man wolle, meint er das genau so. Er bescheisst einen nicht. «Was würde mir das bringen?»

Auch bei seinen Motiven bescheisst er nicht. Er zeigt, was es zu sehen gibt. Willi Oertig komponiere seine eigene Realität und verhelfe ihr so zu mehr Tiefe, sagt die Kunsthistorikerin und Baliere-Kuratorin Milena Oehy. Aber es ist auf jeden Fall eine Realität. Das zählt.

Woran ebenfalls nicht gerüttelt wird: Ein Motiv kommt Oertig nur ein einziges Mal auf die Leinwand. Da kann ihm einer noch so viel bieten. Dieselbe Tankstelle gibt’s kein zweites Mal. Sowieso will er nicht als der Tankstellen-Maler gelten. Und Telefonkabinen werden auch immer weniger, wie Oertig feststellen musste.

«Plunder» und ein voller Kühlschrank

«Wenn ein Bild fertig ist, bin ich ein wenig enttäuscht», sagt der Autodidakt. Dann müsse er von Neuem Spannung aufbauen. Sagt es und zieht sich eine Schirmmütze der «Guardia Finanza» auf, der italienischen Finanzpolizei. Auch eine Kopfbedeckung der britischen Marine gehört zur Ausstellung. «Plunder», wie Oertig sagt. Und am Töggelikasten im Baliere-Gewölbekeller könne man kurz verweilen. Oertig ist ein guter Gastgeber. Der Kühlschrank der Galerie sei randvoll.

Willi Oertig: «Unterwegs – on the road». Vernissage: heute, 19 Uhr, Ansprache von Regierungsrat Jakob Stark. Ausstellung bis 14. Mai. Donnerstag: 17 bis 19.30 Uhr; Samstag: 12 bis 16 Uhr; Sonntag: 12 bis 16 Uhr. Stadtgalerie Baliere.