FRAUENFELD: Ausfrisiert und einfach fertig

Am Samstag nach dem Mittag ist Schluss. Nach 51 Betriebsjahren geht die Tür von Coiffeur Figaro Stäheli in der Vorstadt ein letztes Mal zu. Monika und Siegfried Stähelis Salon ist ein Stück Coiffure-Geschichte.

Mathias Frei
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In ihrem Coiffeursalon, der 51 Jahre lang ihr Leben war: Siegfried und Monika Stäheli. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

In ihrem Coiffeursalon, der 51 Jahre lang ihr Leben war: Siegfried und Monika Stäheli. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Mathias Frei

mathias.frei@thurgauerzeitung.ch

Als er 50 Jahre alt wurde, musste ihn seine Mutter zu einem Geburtstagsfest überreden. Geburtstage sind nicht Siegfried Stähelis Sache, Geschäftsjubiläen schon gar nicht. Im Frühling vor einem Jahr hätten Monika Stäheli und ihr Ehemann das 50-jährige Bestehen ihres Coiffeursalons Figaro feiern können. Haben sie nicht. Nun schliessen sie ihren Salon, morgen Samstag. «Wir haben sicher bis 13 Uhr offen», sagt Monika – oder auch Moni – Stäheli. Grosses Tamtam gibt es nicht. Es stehen ein paar Flaschen Weisswein parat. Und irgendwann wird dann einfach die Eingangstür abgeschlossen.

«Besser wird es nicht», meint Siegfried, also Sigi Stäheli schmunzelnd. Sie hätten hier zusammen angefangen und sie würden hier zusammen aufhören. Sigi ist 77 Jahre alt, Moni fünf Jahre jünger. «Pensionsalter? Was ist das?», sagt er. Im Frühling 1966, also vor über 51 Jahren, haben sie an der Zürcherstrasse 201 in der Vorstadt das schmale Ladenlokal bezogen. Ein Zufall, dass sie Monate zuvor gleichenorts – damals noch ein Uhren- und Schmuckgeschäft – ihre Eheringe gekauft hatten.

Nach dem Welschland Coiffeurtochter geheiratet

Sigi ist in Frauenfeld ältester und zugleich dienstältester Coiffeur. Sigi ist Charmeur und eigenwilliger Coiffure-Künstler zugleich. «Was mir nicht passt, mache ich nicht», sagt er. Man vertraut dem Figaro oder sucht sich einen anderen. Herren- und Damencoiffeur Sigi und Damencoiffeuse Moni waren mit ihrem Geschäft nie im Coiffeurverband. Seit 30 Jahren machen sie keine Werbung mehr, weil sie keine brauchten. Dafür hatten sie lange Jahre am Samstagmorgen ab 6 Uhr offen. «Um diese Zeit kamen jeweils die Serviertöchter direkt vom Arbeiten», erzählt Sigi. Die wechselten zwar ständig ihre Arbeitsstelle, aber Sigi als Coiffeur behielten sie. Er habe stets lieber an Frauen gearbeitet, sagt er. An ihnen konnte Sigi seine Ideen ausleben. Nach der Lehre lernte er die Kraft der neuen Coiffure im Welschland kennen. Zwei Jahre arbeitete er in Sion. Der Müllheimer kam retour, eröffnete in Steckborn einen Salon. Da passierte es ihm ein einziges Mal, dass eine Kundin nicht zufrieden war mit der Frisur. «Aber danach nie wieder.» Sigi lernte Moni, die Frauenfelder Coiffeurtochter Sollberger kenne. Es zog ihn über den Berg zurück nach Müllheim, wo sie ihr erstes gemeinsames Geschäft eröffneten. Aber ihrem Salon fehlte ein Schaufenster. Und in Frauenfeld ergab es sich, die Liegenschaft an der Zürcherstrasse 201 zu kaufen, gegenüber von Coiffeur Sollberger.

1966. «Das war eine andere Zeit. Damals gab es in der ­Vorstadt eine Drogerie, einen ­Gmüesler, eine Metzg und einen Beck», sagt Moni. Familie Stäheli mit den zwei Töchtern lebte einige Jahre in der Wohnung über dem Salon. Dann zog man nach Müllheim in Sigis Elternhaus.

Der abgeschnittene Kopf und die Rekrutenperücke

Die Reklametafel gegen die Zürcherstrasse hinaus zeigt den dramatischen Charakter Figaro, wie er einen aufgespiessten menschlichen Kopf frisiert. «Leicht makaber», meint Sigi und lacht. Die Leute hätten die Tafel lange nicht verstanden. Und die Frauenfelderinnen, die zu Stähelis kamen, wollten eher altmodische Frisuren. «Wissen Sie, mein Mann ist Beamter», hätten sie jeweils gesagt, erinnert sich Moni.

«Einmal sagte eine Kundin, eine Ärztin, zu mir, ich hätte Psychiater werden sollen», erzählt Sigi. Er hörte den Kundinnen zu, machte seine Arbeit. Früher gab es im 86 Quadratmeter kleinen Salon unglaubliche 13 Arbeitsplätze. Bis zu 50 Personen bedienten Sigi und Moni pro Tag. Personal hatten sie lange keines.

In Erinnerung geblieben ist ein Rekrut mit langen Haaren. Sigi stellte für den jungen Mann eine Kurzhaar-Perücke her. Darunter konnte der seine langen Haare verstecken. Das funktionierte die ganze Rekrutenschule.

Am Schluss ging es fast zu schnell

Lange rangen sie mit dem Entscheid, zu schliessen. Zum Schluss ging alles «zackzack». Unerwartet schnell haben Stähelis einen Käufer für die Zürcherstrasse 201 gefunden. «Der wollte eigentlich schon per Ende Juli rein», sagt Moni. «Aber das konnten wir unseren Kunden nicht antun.» Kunden, die teils schon in Müllheim zu ihnen kamen. Damen, Ü80 oder sogar Ü90, die sich einen neuen Coiffeur suchen müssen. Wehmut, den Salon zu schliessen? «Nein», sagt Sigi. «Aber unsere Kunden tun uns schon leid», meint Moni.