FRAUENFELD: «A lovely place» im Takt der langen Nächte

In Miami ist es um diese Zeit schon 27 Grad warm. In Frauenfeld ist Herbst, kurz vor 9 Uhr vormittags. Am Vorabend ging's bis halb drei. Das sieht man Ricardo Guerra noch ein wenig an. «The Wee Hours»: die Zeit der frühen Morgenstunden. Der knapp 20jährige Amerikaner lächelt.

Mathias Frei
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Übung macht den Meister: Nach dem Zmorge nimmt Ricardo Guerra seine Schlagzeug-Sticks zur Hand und macht im Beisein von Gastmutter Pascale Ineichen ein paar Fingerübungen. (Bild: Mathias Frei)

Übung macht den Meister: Nach dem Zmorge nimmt Ricardo Guerra seine Schlagzeug-Sticks zur Hand und macht im Beisein von Gastmutter Pascale Ineichen ein paar Fingerübungen. (Bild: Mathias Frei)

FRAUENFELD. In Miami ist es um diese Zeit schon 27 Grad warm. In Frauenfeld ist Herbst, kurz vor 9 Uhr vormittags. Am Vorabend ging's bis halb drei. Das sieht man Ricardo Guerra noch ein wenig an. «The Wee Hours»: die Zeit der frühen Morgenstunden. Der knapp 20jährige Amerikaner lächelt. Dazu Espresso und Gipfeli. Guerra ist einer von 120 jungen Jazzmusikern, die sich für die Masterclass-Workshops am diesjährigen Jazzfestival «generations» bewarben. Und er gehört zu den 26 Glücklichen, die genommen worden sind.

Jetzt ist er in Frauenfeld. Am Freitag in Kloten gelandet, übermorgen Samstag fliegt er wieder zurück, einen Tag vor seinem 20. Geburtstag. Für die Reise nach Frauenfeld müssen die Workshopteilnehmer selber aufkommen. Übernachten können sie bei Gastfamilien, Zmittag gibt es in der Kantimensa. Guerra ist bei Pascale Ineichen und ihrer Familie einquartiert. Die anderen Familienmitglieder sind an diesem Vormittag unterwegs: auf Geschäftsreise, im Sprachaufenthalt und in der Schule. Pascale Ineichen arbeitet in der Kommunikationsabteilung eines Frauenfelder Unternehmens. «Das Festival-OK kam auf uns zu, und wir haben sofort Ja gesagt.» Sie habe selber zehn Jahre im Ausland gelebt und dabei viel Gastfreundschaft erlebt. «Es ist bereichernd, jemanden wie Ricardo im Haus zu haben.»

Guerra ist Perkussionist – wie sein Vater. Die Grossmutter und Urgrossmutter waren bekannte Mezzosopranistinnen in Havanna. Vor 16 Jahren kam seine Familie in den «Sunshine State» Florida. Guerra ist sein afrokubanisches musikalisches Erbe wichtig. Heute lebt er in Miami, hat dort seine Band. Die Stadt sei gar nicht so gross, wie alle meinten, sagt Guerra. Nur 420 000 Einwohner. Er ist zum ersten Mal in Europa. Seinen Freunden habe er erklären müssen wohin er gehe, 40 Minuten von Zürich entfernt. Frauenfeld sei ein «lovely place», irgendwie pittoresk mit der Landschaft. Ein kleiner Ort, aber viel los hier. «More than a Village, less than a City», meint Pascale Ineichen. Und Guerra nickt. Er studiert an einem Konservatorium im US-Bundesstaat Ohio. Der Ort ist kleiner als Frauenfeld. Guerras Schlagzeug-Professor machte ihn auf das «generations» aufmerksam. Denn dieser Dozent war mit US-Jazzsaxophonist Mark Turner auf Europatournée. Und eben dieser Turner ist nun einer der Dozenten an den Masterclass-Workshops in der Kanti Frauenfeld.

Noch beim «generations» 2012 mussten die Workshopteilnehmer in der Zivilschutzanlage unter den Kantiturnhallen übernachten. Zum zweiten Mal hat das Festival-OK nun Gastfamilien organisiert, die aber nicht entschädigt werden für ihren Aufwand. Die 25 Jungmusiker (bis maximal 26 Jahre), die nun schliesslich hier sind, kommen bei 24 Gastfamilien unter. Die Tagesabläufe von Guerra und seiner Gastfamilie sind verschieden. Aber wenn möglich gibt es ein gemeinsames Abendessen. Er sei entweder am Pfeifen oder schlage mit seinen Fingern den Takt, erzählt Pascale Ineichen über ihn. Und vor allem sei er sehr selbständig. Nach dem Zmorge nimmt Guerra eine Art Drum-Pad hervor, das sein Vater für ihn gemacht hat. Die Schlagfläche ist aus Hartgummi von einem Laufmal im Baseball, darunter ist Holz. Guerra holt seine Sticks hervor und macht Übungen. Die Sticks und das Becken-Set, das sind seine einzigen persönlichen Utensilien, um Musik zu machen.

Die Workshops dauern von 10.30 bis 12 Uhr und von 13 bis 14.30 Uhr. Danach übt Guerra noch für sich allein. Sein Lieblingslehrer am «generations» ist der besagte Mark Turner. «Mit wenigen Worten sagt er viel.» Möglichst viel zu lernen, das ist Guerras Ziel in Frauenfeld. Von den Lehrern und von den Mitstudenten, die aus den USA, Deutschland, Österreich, Italien, Finnland, Serbien, Ungarn und der Schweiz kommen. Abends beginnen die Konzerte um 19 Uhr, die Jazzclubs öffnen zwei Stunden später. Überall einen Blick reinwerfen. Am Schluss landen alle im «Kaff» bei der Jam-Session. Jeder der vier Drummer spielt einige Tunes, dann kommt der nächste dran. Netzwerken, zusammen abhängen, zusammen was trinken, zusammen spielen. Vor allem spielen. Diese Woche ist eine kleine Lebensschule. Nur etwas fehlt ihm noch: ein Notenbuch für Marschmusik für seinen Drum-Professor in Ohio. Denn dafür sei die Schweiz ja bekannt.