FORUM: Die Kesb hatte kein Vorbild

Seit 2013 gibt es die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb). Sie sorgte in den vergangenen Jahren für Schlagzeilen. Und sie war Thema am TKB-Kommunalforum.

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Kesb-Kritikerin Julia Onken. (Bild: Christof Lampart)

Kesb-Kritikerin Julia Onken. (Bild: Christof Lampart)

Es war ein heisses Eisen, dass die Thurgauer Kantonalbank (TKB) am Thurgauer Kommunalforum anpackte. Denn es wurde über die Arbeit einer Behörde diskutiert, die wie kaum eine andere im Fokus von Medien und Bevölkerung steht: die Kesb (Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde). David Rüetsch, der als Leiter des Fachbereichs Zivilrecht und Zivilprozessrecht beim Bundesamt für Justiz mit der praktischen Umsetzung der Behörde betraut war, räumte ein, dass es für die Kesb-Mitarbeiter anfangs nicht einfach gewesen sei, ihre Rolle zu finden. Denn: Die Nachfolgerin der Vormundschaftsbehörden hatte kein Rollenvorbild. Und so sei, nach einigen Kommunikationspannen, schnell das Bild einer Institution entstanden, die zwar hochprofessionell arbeite, aber auch mit viel Distanz zum Bürger. Dennoch erstaune es ihn, dass die Kesb-Problematik nur in der Deutschschweiz ein Thema sei und in der Romandie überhaupt nicht. Der Druck von Politik und Medien habe vor und nach dem Fall Flaach sicherlich das Seinige dazu beigetragen, dass die Kesb ein schlechteres Image habe, als sie es verdiene, mutmasste Rüetsch.

Platzierungen auf Kosten der Kinder?

Die Thurgauer Schriftstellerin und Psychotherapeutin Julia ­Onken attestierte der Kesb zwar, dass sie auf verwaltungstechnischer Ebene «sehr überlegt und verantwortungsbewusst» vorgehe, kritisierte jedoch, dass die Behörde zu wenig die Opferperspektive einnehme und ein ­«humanistisches Weltbild» vermissen lasse. «Ich kriege täglich Meldungen über Probleme mit der Kesb. Bei 35 Prozent aller Fälle mündet es in einer persön­lichen Katastrophe», so Onken. Dass wollte Andreas Hildebrand von der Kesb in Gossau nicht auf sich sitzenlassen. «Das glaube ich nicht. Meines Wissens sind maximal zehn Prozent aller Betroffenen damit konfrontiert, dass ein Zwang ausgeübt werden könnte.» Zwar verfüge die Kesb über eine grosse Machtfülle, doch läge es ihr fern, diese ausüben zu wollen, so Hildebrand.Dies sah Onken jedoch anders. Insbesondere die Fremdplatzierung vieler Kinder sah sie kritisch – und deutete unverhohlen an, dass auf Kosten der Kinder Geschäfte gemacht würden.

Komposch: Im Thurgau läuft es gut

Die zuständige Thurgauer Regierungsrätin Cornelia Komposch attestierte den Kesb-Behörden «gute Arbeit». Dass sie dabei oft im Fokus stehe, sei naturgegeben, denn «die Kesb kommt immer nur dann auf den Platz, wenn es schwierige, heikle Familiensituationen gibt». Generell könne sie sagen, dass die Kesb in den ersten vier Jahren ihres Bestehens «erreicht hat, was man erwartet hat». Und was die Kesb und den Thurgau anbelange, so gebe es aktuell keine Schwierigkeiten: «Bei uns läuft es zurzeit gut», sagte Cornelia Komposch.

Christof Lampart

thurgau@thurgauerzeitung.ch