Forschung als Grenzerfahrung

ETTENHAUSEN. Die Ettenhauser Kantonsrätin Barbara Müller ist stark sehbehindert und wird möglicherweise erblinden. Das hindert die Geologin aber nicht daran, in Nepal zu forschen. Sie ist auf der Suche nach dem Gift Arsen.

Simon Dudle
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Kantonsrätin Barbara Müller steht in Nepal am Fusse des Cyagula-Passes – auf 4800 Meter über Meer. (Bild: pd)

Kantonsrätin Barbara Müller steht in Nepal am Fusse des Cyagula-Passes – auf 4800 Meter über Meer. (Bild: pd)

Barbara Müller hat schon so manche Grenzerfahrung gemacht. Auf einem 6500 Meter hohen Berg ist die Alpinistin gestanden und ein anderes Mal bei Bewusstsein in Lebensgefahr geschwebt. Trotzdem reizt es sie auch nach jener überstandenen Lungenembolie aus dem Jahr 2007, die Grenzen auszuloten. Sie macht es im Wissen, dass Reisen in abgelegene Gebiete womöglich nicht mehr lange möglich sind. Denn Müller hat die genetisch bedingte Sehschwäche namens «RP». Zurzeit sieht sie bei für sie optimalen Lichtverhältnissen noch maximal 20 Prozent, dereinst wird sie womöglich erblinden.

Viele chronisch Erkrankte

Die Extremerfahrungen verknüpft die Hinterthurgauerin oftmals mit der Forschung, ist sie doch promovierte Geologin der ETH Zürich. Da sie frei arbeitend ist, finanziert sie die Reisen mittels Zuschüssen von privaten Stiftungen. Deren 28 haben sich am jüngsten Projekt beteiligt. Verschrieben hat sich Müller Nepal, weil dort die höchsten Berge der Welt sind und sie die Bevölkerung schätzen gelernt hat – und sie dort einem Geheimnis auf die Schliche kommen will. Beantworten möchte sie die Frage, wieso eine bedrohliche Menge des Giftstoffs Arsen im Grundwasser vorkommt. Dieses trinken die Nepalesen mangels Alternativen und erleiden darum oftmals chronische Vergiftungen. Die Ursache vermutet Müller in der Gesteinsart Leukogranit. Da in dieser Thematik noch kaum Forschung betrieben wurde und diese Steine ursprünglich nur weit oben in den Bergen vorkommen, hat sich Müller im Frühling aufgemacht, Gesteinsproben zu sammeln.

Im Erdbebengebiet

Eine grosse Herausforderung war schon die Anreise Ende April. Während des Transits in Oman kam die Kunde, nach einem verheerenden Erdbeben lägen grosse Teile Nepals in Trümmern. Als dann zwei Tage später die Einreise möglich war, wurde Müller Zeugin von Nachbeben. «Manchmal standen wir im Bett», sagt sie rückblickend. Angetroffen hat sie viele Einheimische, die unter freiem Himmel campierten – nicht aber Zeltstädte von Obdachlosen. «Diese Erfahrung sitzt bei den Leuten sehr tief. Mit der Zeit haben sie den Schock aber verdaut», sagt Müller, die seit 2012 für die Sozialdemokratische Partei im Thurgauer Kantonsrat politisiert. Die eigentliche Forschungsreise dauerte einen Monat und führte durch abgelegenes Gebiet. Unterwegs war sie mit ihrem ebenfalls sehbehinderten Kollegen Beat Schöbi, zwei Guides, zwölf Trägern und zwei Köchen. Drei Pässe von mehr als 5000 Metern Höhe mussten überquert werden, einer davon bei Nebel und einem Schneesturm auf einem schmalen Grat. Übernachtet wurde vorwiegend im Zelt. Wege wurden nicht beschritten, weil es sie nicht gibt. «Wir haben die Ruhe und völlige Abgeschiedenheit zu schätzen gewusst», sagt Müller. Mit der Aussenwelt waren sie nur via Satellitentelefon verbunden, da es weder Handyempfang noch eine Internetverbindung gibt. Im Distrikt Mugu angekommen, wurden die besten Leukogranite gefunden. Mit 35 Kilo Gestein sowie unzähligen Erinnerungen im Gepäck ging es schliesslich im Juni auf die Heimreise. Die Steine sollen nun analysiert werden. Die Hoffnung besteht, dass sie Arsen enthalten. Wäre dies der Fall, so könnte man den Leuten in Nepal sagen, diese von den Flüssen ins Flachland geschobenen Steine seien zu meiden, wenn künftig nach Trinkwasser gesucht wird. Schon im Herbst will Müller nach Nepal zurückkehren.