Fluch oder Segen der Gentests

MÜNSTERLINGEN. Am Kantonsspital Münsterlingen wurde die Frage diskutiert, wie die Gesellschaft sinnvoll mit Gentests umgehen kann. Gentests können Hunderte Gendefekte anzeigen. Trisomie 21 ist fast immer das Todesurteil für das Ungeborene.

Barbara Hettich
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Die Diskussionsrunde: Thomas Eggimann, Lisbeth Brücker, Christof Arn, Anita Müller und Michael Thurau sprachen über pränatale Gentests. (Bild: Barbara Hettich)

Die Diskussionsrunde: Thomas Eggimann, Lisbeth Brücker, Christof Arn, Anita Müller und Michael Thurau sprachen über pränatale Gentests. (Bild: Barbara Hettich)

Auf die grosse Leinwand auf der Bühne ist das Foto eines kleinen fröhlichen Jungen projiziert: Andrin, er hat die Wesenszüge eines Menschen mit Trisomie 21. Die Krankheit ist auch bekannt als Down-Syndrom. In der Diskussionsrunde sitzt sein Vater, Michael Thurau, Schulpräsident von Bottighofen. «Mit dieser Beeinträchtigung gibt es eine Lebensqualität, wir können viel von Andrin lernen», sagt er. Er finde es tragisch, wenn man mit den neuen Tests Menschen wie Andrin verhindern wolle.

Dass es so kommen könnte, hatte Thomas Eggimann, Chefarzt an der Frauenklinik Münsterlingen, im Einführungsreferat gezeigt. Mit einem einfachen Test können heute Gendefekte schon in einem sehr frühen Stadium der Schwangerschaft nachgewiesen werden. «Wir benötigen dafür nur etwas Blut der Mutter.»

Die Frage sei, wann ein Schwangerschaftsabbruch angebracht sei. «Es gibt Eltern, die ein Kind schon wegen einer Lippenspalte wegmachen lassen», erzählte Eggimann. «Sind wir auf dem Weg zum Designer-Baby?»

Behinderungen gehören zu uns

Anita Müller, Entwicklungspädiaterin am Kantonsspital, zeigte auf, dass rund acht Prozent der Kinder mit einer Behinderung leben. Nur ein kleiner Prozentsatz sei auf Gendefekte zurückzuführen. Die Gründe seien vielfältig: Sauerstoffmangel während der Geburt, eine Frühgeburt, Infektionen, Tumore oder Unfälle. «In vielen Fällen können wir das nicht beeinflussen, Menschen mit einer Behinderung gehören zu unserer Gesellschaft», sagte Müller. Und mit zunehmendem Alter steige die Quote. Bei den 80-Jährigen würden 60 Prozent mit einem erworbenen Handicap leben.

Ethiker Christof Arn warf die Frage auf, inwieweit es legitim sei, sich von einem Kind die Gen-Informationen zu besorgen. Er habe Verständnis, wenn Eltern Angst vor einem Leben mit einem behinderten Kind hätten. «Wir haben zwar grosse Fortschritte gemacht, aber in unserer Leistungs-gesellschaft werden Behinderte immer noch diskriminiert.» Dem konnte Müller nur beipflichten: Eltern müssten noch heute unter abfälligen Bemerkungen leiden und würden oft allein gelassen.

Gegen Leistungskürzungen

«Wie können wir dem entgegenwirken? Wird man künftige Eltern mit dem Gentest unter Druck setzen? Beispielsweise durch Leistungskürzungen?», fragte Moderatorin Lisbeth Brücker vom Ethikforum des Kantonsspitals. «Das darf nicht passieren», sagte Eggimann. «Eltern sollen sich frei entscheiden dürfen, ob sie einen solchen Test machen wollen – auch die über 35-Jährigen», sagte er mit Nachdruck. «Wir sollten das Handicap eines Menschen nicht in den Mittelpunkt stellen und es als normal ansehen, dass es verschiedene Menschen auf der Welt gibt, die unsere Gesellschaft auch bereichern», sagte Thurau. Er setzt sich für die Integration behinderter Kinder in die öffentliche Schule ein – sofern es Sinn mache und sich alle dabei wohl fühlen.

Das Schlusswort kam von einer Zuschauerin. Susann Klingenfuss erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma und kann heute wieder zu 80 Prozent am Kantonsspital Münsterlingen arbeiten: «Wir sind trotz unserem Handicap Menschen, die gerne leben und ernst genommen werden möchten.»

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