Ferien statt Kurzarbeit

Die Münchwiler Schmid Elektronik AG gönnt ihren 50 Mitarbeitern vier Wochen zusätzliche Freizeit. Sie muss aber sinnvoll genutzt werden. Damit verdankt die Firma nicht nur geleistete Überstunden, sondern entlastet auch die Arbeitslosenkasse.

Brigitta Hochuli
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Teamwork bei der Produktekontrolle: Silvio Schmid, Roswitha Blaser, Gülten Kükmen und Urs Steinmann (v. l.). (Bild: Hannes Thalmann)

Teamwork bei der Produktekontrolle: Silvio Schmid, Roswitha Blaser, Gülten Kükmen und Urs Steinmann (v. l.). (Bild: Hannes Thalmann)

Münchwilen. Eine Begrüssungs-Tafel heisst die Gäste persönlich willkommen. Im zweistöckigen Firmengebäude in einem Münchwiler Aussenquartier wird man überall freundlich empfangen. Benedikt und Margrit Schmid, die Senioren der Inhaberfamilie und Verwaltungsräte der Schmid Elektronik AG, strecken einem fröhlich die Hand entgegen. Sie unterscheiden sich in nichts von der 50köpfigen Belegschaft.

Alle tragen sie zum Schutz der heiklen Produktepalette im Bereich der Gerätesteuerung einen einheitlichen Arbeitskittel.

«Wir sind ein Familienbetrieb» wiederholt Geschäftsleitungsmitglied Urs Steinmann auf einem Rundgang mehrmals stolz. «Wir leasen nicht, wir kaufen», sagt er angesichts des imposanten Maschinenparks, in den die Firma in den letzten vier Jahren 2 Millionen Franken investiert hat. «Wir sind solid finanziert und wollen unabhängig sein.»

Kapazität frei geworden

Tatsächlich hat die Firma vom Exportboom der letzten Jahre profitiert und machte 2008 einen Spitzenumsatz von 10,2 Millionen Franken. Ihre Kunden rekrutiert sie schwerpunktmässig in den Sparten Militär, Steuerungsbau, Medizinaltechnik und öffentlicher Verkehr.

Der Rekordumsatz bedeutete aber auch Überstunden. Diese wollte man von Anfang an in irgendeiner Form vergelten, obwohl man wusste, dass ein grosser Kunde abspringen würde.

Durch den Absprung und die Finanzkrise ist nun auch bei der erfolgsverwöhnten Schmid Elektronik Kapazität frei geworden. Die Aufträge sind um über einen Drittel zurückgegangen. Im März wurde Kurzarbeit angeordnet. Für Mai und Juni sind bei der Arbeitslosenkasse weitere Monate angemeldet. In den Produktionsräumen sind viele Arbeitsplätze unbesetzt. Der Einsatzplan zeugt von einer komplexen Organisationsleistung.

Das hat aber nicht nur mit der Kurzarbeit zu tun, sondern auch mit den vier Wochen Zusatzferien, die man den Mitarbeitern für den aussergewöhnlichen Einsatz schenkt. So könne weitere Kurzarbeit und damit Arbeitslosengeld gespart sowie wertvolles Know-how erhalten werden, sind Urs Steinmann und sein Partner in der Geschäftsleitung, Silvio Schmid, überzeugt.

Das Feriengeschenk ist an eine Bedingung geknüpft. «Vier Wochen Strandferien geht nicht», sagt Steinmann. Jeder Mitarbeiter musste ein Projekt für gemeinnützige Arbeit, Weiterbildung oder für das persönliche Wohlbefinden eingeben. Das Angebot schlug ein. Keiner der Angestellten wollte nur auf der faulen Haut liegen. Ihre Ferienprojekte reichen von Computer- und Sprachkursen, Auslandaufenthalten, Betreuung von Grosskindern oder betagten Eltern bis hin zu freiwilligen Einsätzen in Altersheimen.

Andere renovieren ihr Haus oder pflegen den Garten. Besonders gespannt sind überdies alle auf die Ergebnisse der Studienreise einer Kollegin zum Thema Vulkanismus.

Zeit für Atemtherapie

Die 60jährige Roswitha Blaser arbeitet seit 29 Jahren in der Firma. «Ich könnte mir nichts anderes vorstellen, sagt sie. Wir sind eine Familie.» Frau Blaser ist für den Warenausgang zuständig. «Sie wirft den letzten Blick auf die Produktion», sagt Urs Steinmann. Ihr Auge sei geübt, lobt er. Ihr Feriengeschenk teilt Roswitha Blaser in je einen freien Morgen pro Woche ein.

Sie nutzt die Stunden für eine intensive Atemtherapie zur Stabilisierung ihrer Gesundheit. «Die vier Wochen kann ich auf ein ganzes Jahr verteilen», freut sie sich. Das bringe ihr viel.

Die 21jährige Gülten Kükmen arbeitet seit anderthalb Jahren bei der Schmid Elektronik. Sie wird während der Zusatzferien in der Haselnussfabrik ihres Vaters in der Türkei aushelfen.

Auch sie, die in der Schweiz geboren ist, fühlt sich wohl in der Firma, in der zu rund einem Drittel alle Kulturen von Asien bis Italien vertreten sind.

Während die Mitarbeiter kürzer treten, ist Urs Steinmann am Akquirieren. Bereits hat er wieder neue Kunden gefunden. Und er ist zuversichtlich, dass noch weitere hinzukommen. «Entlassungen sind keine geplant.»

Bild: BrigittA hOCHULI

Bild: BrigittA hOCHULI