FELBEN: "Geh lieber zum Fussball"

Rico Giger aus Felben ist Thai-Box-Europameister. Nun will er nach ganz oben. Und muss dafür unten durch.

Donat Beerli
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Rico Giger beim Training. Er will ganz nach oben in die Glory-League. (Bild: Andrea Stalder)

Rico Giger beim Training. Er will ganz nach oben in die Glory-League. (Bild: Andrea Stalder)

FELBEN. Ein linker Haken bringt den Europameister zurück auf den Boden der Realität. Er taumelt, fällt, steht wieder auf, Handschuhe vors Gesicht. «Ich bin noch voll da.» Zu spät. Der Ringrichter winkt ab, technischer K. o., zehn Sekunden vor Schluss.

Drei Tage später sitzt Rico Giger (27) mit Trägershirt, Trainingshosen und zugeschwollenem Auge im Café Arcos in Frauenfeld. Verdaut hat er die Niederlage im Aadorfer Gemeindesaal nicht. «Ich wollte weiterkämpfen», sagt er mit ruhiger Stimme. Doch zurückschauen bringe nichts. «Ein Kämpfer gewinnt vielleicht nicht immer, aber er steht nach jeder Niederlage wieder auf.»

Vor drei Monaten wurde Giger in seiner Gewichtsklasse zum Thai-Box-Europameister gekürt. Schweizer Meister war er schon vorher. Giger ist glücklich, doch die Titel sollen nur ein Zwischenstop sein. Er will nach ganz oben. Und muss dafür den Umweg über die Box-Hallen der Region gehen. 800 Franken hat er für seinen Auftritt im Aadorfer Gemeindesaal erhalten. Dafür ein blaues Auge und eine gebrochene Nase kassiert. Ist es das wert? «Wenn ich mich das fragen würde, hätte ich schon verloren», sagt Giger und lässt seinen durchtrainierten Körper ein wenig tiefer in den Stuhl sinken.

Zum Thaiboxen fand er spät. Er hätte gern als Kind angefangen, doch die Mutter war dagegen. «Geh lieber zum Fussball», sagte sie. Als er 19 war, probierte er es dennoch aus – auf dem Estrich eines Freundes. Und wusste: Boxen war das Ventil, das er schon in der Schule hätte gebrauchen können.

Er fing an, mehr zu trainieren. Bestritt ein paar Kämpfe – wurde besser. Doch Thaiboxen blieb ein Hobby. Giger arbeitete als Personalvermittler, half beim Vater im Geschäft aus. Aber er wusste: Für den Erfolg braucht er mehr Zeit, mehr Disziplin, mehr Training. Nur: Eigentlich hätte er doch das Geschäft des Vaters übernehmen sollen. Vor einem Jahr nahm ihm dieser die Entscheidung ab. «Er riet mir, meinen eigenen Weg zu gehen.»

Giger kannte seinen Weg. «So sein wie Andy Hug.» Das war immer sein Traum. Er kaufte sich ein Flugticket nach Thailand, ins Land, wo Thaiboxen Nationalsport ist. Dort schrieb er sich an einer Thai-Box-Schule ein. Morgen und Abend Training, dazwischen ein paar Stunden schlafen. «Eine Bruchbude war es», sagt Giger. Ein Loch im Boden als WC, beim Aufwachen ein Gekko auf dem Bauch. Aber eine gute Erfahrung. «Es macht dich härter.»

Langfristig wird das Geld knapp

Rico Gigers gibt es in Thailand viele. Für die Thais sind die Thai-Box-Neulinge aus dem Westen eine Einkommensquelle. «Denn alle wollen nach oben», erzählt Giger. Doch nur die wenigsten hätten den nötigen Biss. 300 Dollar kostete ihn das Training damals im Monat. Viel Geld in einem Land, wo der Mindestlohn pro Tag bei acht Franken liegt. «Je mehr du bezahlst, desto mehr zeigen sie dir», sagt Giger. Heute trainiert er gratis. «Wenn jemand gut ist, spricht sich das herum.»

Doch auch wenn er in Thailand gut über die Runden kommt, für ein Leben in der Schweiz genügen ein paar Hundert Franken pro Kampf nicht. Zwar hat er Sponsoren, die ihn unterstützen: Restaurants, befreundete Unternehmer aus der Region. Doch langfristig wird das Geld knapp werden. Darum will er nun richtig durchstarten. Ein Jahr: Dann will er in der Glory-League, der «Champions League des Kickboxens» sein. Dort gibt es TV-Verträge, höhere Gagen und vielleicht ein wenig Ruhm. Giger sagt: «Wenn du dort bist, hast du es geschafft.»