Fasziniert vom perfekten Schlag

Der Ottenberger Benjamin Rusch spielt seit dem letzten Jahr professionell Golf. Was auf dem Golfplatz in Lipperswil im Alter von elf Jahren begonnen hat, brachte dem 25-Jährigen bereits wichtige Erfolge ein. In der Domäne Einzelsport fühlt sich der Thurgauer wohl.

Daniela Huber
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Der Thurgauer Profi Benjamin Rusch schaut dem Golfball nach einem Abschlag mit dem Driver auf dem Golfplatz Erlen hinterher. (Bild: Reto Martin)

Der Thurgauer Profi Benjamin Rusch schaut dem Golfball nach einem Abschlag mit dem Driver auf dem Golfplatz Erlen hinterher. (Bild: Reto Martin)

ERLEN. Die Sonne scheint, und auf dem Golfplatz bewegen die Golfer und Golferinnen in pastellfarbenen Outfits ihre Golfwägelchen über den frisch gemähten Rasen. Was für die meisten Menschen jedoch einen freien Tag im gepflegten Grün bedeutet, ist für Benjamin Rusch ein weiterer Arbeitstag. Der Ottenberger – seit einem Jahr erfolgreicher Profigolfer – trainiert sechs Tage die Woche. Manchmal seien es vier Stunden, manchmal zehn. Und manchmal müsse er sich gar zwingen, nach Hause zu gehen und sich auf den Balkon zu setzen, weil Erholung auch zum Training gehört. Das will gelernt sein. Ein Mentalcoach hilft ihm dabei, Konzentration und Belastungsfähigkeit zu üben.

Sportstipendium in den USA

Die Weichen für seine Karriere wurden schon früh gelegt: Sein Vater habe ein Schnupperabo für den neuen Golfclub in Lipperswil bekommen, und da hatte er den damals elfjährigen «Beni» mitgenommen. «Eigentlich wollte ich am Anfang lieber Fussball spielen», bekennt der Profi heute mit einem verschmitzten Lächeln. Aber dann seien die ersten Erfolge gekommen.

Mit zwölf machte er die Platzreifeprüfung und stellte da zum ersten Mal fest, dass ihm der Golfschläger ganz gut in der Hand liegt. Von da an sei es dann ein fliessender Übergang gewesen zu seiner Karriere. «Es hat nie den einen Augenblick gegeben, wo ich gedacht habe, jetzt werde ich Profi», sagt er. Er sei da hineingewachsen. Ein Sportstipendium hat ihm dann ermöglicht, in den USA in Charlottesville, Virginia, zu studieren und einen Bachelor in Foreign Affairs abzuschliessen. Nach dem Studienabschluss kam dann der Zeitpunkt, wo der junge Mann sich endlich ganz auf seine grosse Passion konzentrieren konnte und wollte.

Auf dem Golfplatz scheint das Gras millimetergenau geschnitten, der Sand in den Bunkern glatt gekämmt und etwas weiter weg sprudelt ein Springbrunnen. Einige Golfer spazieren mit ihren Handwägelchen vorbei. Aber der braungebrannte Thurgauer trägt seine Schläger lieber. «Die Wägelchen sind für alte Leute», scherzt er. Benjamin Rusch ist die Ruhe in Person. Er kommt ohne ausholende Gesten aus, spricht ruhig und bedacht. Ein guter Golfer muss zielstrebig sein, positiv mit Misserfolg umgehen können und viel Trainingsfleiss besitzen, erklärt er. Ein Golfer ist auch ein Einzelgänger, denn Erfolg wie auch Misserfolg hängen nur von ihm selbst ab, und nicht von einem Team. «Wenn du verlierst, bist du selbst schuld und niemand anders», erklärt er. Das braucht Nerven, Konzentration und Selbstbewusstsein. Man müsse hinter seinen Entscheidungen stehen, egal welcher Art. «Mein Beruf hilft mir sicherlich, mich wenig darum zu kümmern was andere Leute denken», stellt er fest.

Unerreichbare Perfektion

Sein erfolgreichstes Erlebnis auf dem Golfplatz habe vor drei Jahren stattgefunden: Damals hatte er in der Europameisterschaft in Portugal gespielt und zusammen mit fünf anderen Profis den 2. Platz geholt. Aber obwohl das Teamwork damals so gut funktioniert hatte, ist Rusch heute gerne alleine auf dem Platz. Und Fussball, den er in jungen Jahren noch viel lieber mochte, ist nun zur Freizeit geworden. Manchmal gehe er stand-up-paddeln oder Tennis spielen, um den Kopf durchzulüften.

«Ich habe Glück», sagt Rusch, wenn er über sein Leben spricht. Natürlich gebe es auch Tiefpunkte, wie in jedem Leben und jeder Karriere. Wenn die Konzentration nicht stimmt und Turniere nicht so gehen, wie man es von sich selbst erwartet hat. Aber darüber rede man nicht. Daran müsse man sich auch nicht erinnern, denn es geht darum, konstruktiv nach vorn zu schauen.

Das ist es, was Rusch beinahe jeden Tag auf den Platz treibt: «Die Faszination vom perfekten Schlag», wie er sagt, «unerreichbare Perfektion.» Doch er scheut nicht davor zurück, nach Unerreichbarkeit zu streben und das Unmögliche möglich machen zu wollen. Wie lange er wohl noch spielen wird? «Bis es keinen Spass mehr macht.» Und wann wird das sein? «Hoffentlich nie.»

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