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FASZINATION: Die klitzekleinen Dinge im Leben

Der 71-jährige Romanshorner Hanswalter Müller fotografiert kristallisierte Substanzen unter dem Mikroskop. Die Pension und seine schwere Krankheit haben massgeblich zur Wahl dieses besonderen Hobbys beigetragen.
Miranda Diggelmann
Hanswalter Müller arbeitet, sofern er es gesundheitlich vermag, täglich an seinen Mikrofotografien. (Bild: Donato Caspari)

Hanswalter Müller arbeitet, sofern er es gesundheitlich vermag, täglich an seinen Mikrofotografien. (Bild: Donato Caspari)

Miranda Diggelmann

miranda.diggelmann@

thurgauerzeitung.ch

Hanswalter Müller legt ein kristallisiertes, durchsichtiges Tröpfchen auf ein Glasplättchen unter das Mikroskop. Auf dem Desktop seines Computers erscheint ein buntes Netz. Aber Zucker ist doch weiss? «Die Farben entstehen durch den Polarisationsfilter, den ich am Mikroskop angebracht habe», erklärt Müller. Er ist Mikrofotograf. Vor rund einem Jahr stiess der Romanshorner bei Recherchen im Internet auf Fotos, die unter dem Mikroskop aufgenommen wurden. «Ich fand die Bilder und Muster wunderschön, also habe ich mich in die Mikrofotografie eingelesen und mir alles selbst beigebracht», sagt er.

Nach kurzer Zeit beschaffte sich Hanswalter Müller ein Mikroskop und begann mit den ersten Proben. Im weitesten Sinne betrachtet der 71-Jährige Chemikalien unter dem Mikroskop.

Hanswalter Müllers Arbeitsprozess sieht in etwa so aus: Erst gibt er ein Tröpfchen von einer Substanz auf ein Glasplättchen und lässt es auskristallisieren. Danach kann er es unter dem Mikroskop betrachten, wofür die richtige Technik gefragt ist. Wenn Müller ein gutes Bild hinkriegt, schiesst er durch die am Mikroskop angebrachte Kamera ein Foto – ausgelöst am Computer. «Wenn mir das Bild gefällt, drucke ich es auf Fotopapier aus und lege es im Büro auf dem Boden aus. Manchmal gefällt es mir dann nach einigen Tagen nicht mehr», sagt Hanswalter Müller.

Mittlerweile hätten sich bei Hanswalter Müllers Hobby drei Spezialgebiete entwickelt. Zum einen sind das Fotochemikalien, dann wären das aufgelöste Medikamente (etwa Aspirin oder eine Eiseninfusion) und Substanzen aus dem Haushalt (wie zum Beispiel Javelwasser oder Zucker).

Wie es zum besonderen Hobby kam

Zur Fotografie fand Hanswalter Müller durch das Reisen. Als gelernter Koch war der in Thal SG aufgewachsene Hanswalter Müller gleich nach seiner Lehre rund zwei Jahre lang auf Passagierschiffen unterwegs – zuerst in Schweden, danach auch auf Kreuzfahrten in New York. «Damals entdeckte ich meine Liebe fürs Reisen. Es war die schönste Zeit meines Lebens», sagt Müller. Die Reisen konnte er sich dank guten Lohnes auch immerzu finanzieren. Später arbeitete Müller in der Bischofszeller Lebensmittelproduktion Bina. Weil er und seine Frau, mit der er seit 44 Jahren zusammen ist, keine Kinder haben, hatten sie weiterhin viel Zeit zum Reisen. «Als Ehepaar ohne Kinder gehörten wir damals nirgends so richtig dazu. Mit unseren Reisen konnten wir dem ein wenig entfliehen», erzählt Hanswalter Müller. «Die Landschaften im Ausland inspirierten mich immer wieder zum Fotografieren», sagt er. Mit diesem Hobby habe er jedoch bereits zu Schulzeiten begonnen. Nebst Landschaften fotografierte er später auch Porträts und Akte. Seit rund 40 Jahren ist Hanswalter Müller auch Mitglied beim Fotoclub Romanshorn, bei welchem er früher im Vorstand war.

Und dann kam das schwere Schicksal

Seit zwölf Jahren leidet Hanswalter Müller nun schon an Darmkrebs. «Als ich damals die Dia­gnose bekam, brach eine Welt für mich zusammen. Ich wusste genau, dass ich künftig nicht mehr reisen und somit auch nicht mehr fotografieren kann», sagt er. Ein paar wenige Jahre später kam ausserdem die Pension hinzu. «Ich konnte absolut nichts mehr machen, was mir einmal Spass bereitet hat.» Er begann sich zu langweilen. Aber Hanswalter Müller ist ein gut organisierter Mann, der sich stets zu helfen weiss. So kam er auf die ideale Lösung für sein neues Hobby – noch immer Fotografie, aber jetzt zu Hause.

«Ich bin sehr froh, dass ich nun immer etwas zu tun habe», sagt Hanswalter Müller. Er arbeite jeden Tag an seinen Mikrofotografien und probiere immerzu Neues aus. Manchmal scheitere er auch, aber das gehöre eben dazu. Dann versuche er es nochmals auf eine andere Art und Weise. Ihm seien dabei keine Grenzen gesetzt. Somit ist Müllers Freizeitbeschäftigung relativ zeitintensiv. «Meiner Frau macht das aber nichts aus. Auch sie hat früher oft fotografiert», sagt er. Und manchmal, wenn er während ihrer Reisen am Fotografieren war, habe seine Frau hübsche Steine gesammelt. Nun ist es Hanswalter Müller leider nicht mehr möglich, draussen zu fotografieren, was für ihn jedoch nicht nur Nachteile habe. «Die Mikrofotografie hat mich gelehrt, auch die klitzekleinen Dinge im Leben zu schätzen», sagt er.

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