Familie an Masern erkrankt

Sechs Kinder einer Familie aus Müllheim haben sich mit der Kinderkrankheit angesteckt. Sie waren nicht geimpft. Dem Kantonsarzt bereitet es Sorgen, dass längst nicht mehr alle Eltern ihre Kinder impfen lassen.

Melissa Müller
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Sobald die roten Flecken auftreten, sollten Patienten mindestens fünf Tage zu Hause bleiben. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Sobald die roten Flecken auftreten, sollten Patienten mindestens fünf Tage zu Hause bleiben. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Müllheim. Sechs Kinder einer zwölfköpfigen Müllheimer Familie sind an Masern erkrankt. Am schlimmsten hat es ein sechsjähriges Mädchen getroffen, das zurzeit mit einer Lungenentzündung im Kinderspital Münsterlingen liegt. Ihr Zustand ist laut Kantonsarzt Mathias Wenger «ernsthaft, aber nicht lebensgefährlich». Das Mädchen habe zu Hause nichts mehr getrunken, erzählt die betroffene Mutter. Jetzt wird das Kind im Spital mit Flüssigkeit und Sauerstoff versorgt.

Die Eltern haben ihre Sprösslinge nicht gegen die hochansteckende Kinderkrankheit impfen lassen. «Dann müsste man sich ja auch gegen Verkehrsunfälle impfen», bemerkt die Mutter. «Die Aufregung rund um die Masern ist reine Propaganda. Es gibt im Leben nie einen hundertprozentigen Schutz vor Risiken.»

Die Wahrscheinlichkeit, an Masern zu sterben, sei sehr gering, betont die Mutter und erinnert an eine Masernepidemie, die vor ein paar Jahren in der Innerschweiz grassierte. «Hunderte von Kindern wurden dabei krank, aber kein einziges starb.»

Kinder bewusst anstecken

Beide Eltern haben die Masern in ihrer eigenen Kindheit glimpflich überstanden; sie sehen daher keinen Anlass zur Sorge. Der Vater erinnert sich daran, dass es früher üblich war, gesunde, nicht gegen Masern geimpfte Kinder mit akut erkrankten Patienten zusammenzuführen. Die Kinder wurden bewusst angesteckt. Die Eltern wollten ihnen dadurch eine Erkrankung im Erwachsenenalter ersparen, da diese weit schlimmer verlaufen kann. Nach der ersten Masernerkrankung bleibt man ein Leben lang gegen den Erreger gefeit.

Grossmütter hatten Angst

Fünf Kinder der Müllheimer Familie haben die Infektionskrankheit beinahe überwunden. «Es lief wie eine normale Grippe ab, nur ein bisschen länger», erzählt die Mutter. Ihre Kinder hätten die charakteristischen Ausschläge aufgewiesen, hohes Fieber gehabt und gegen den Hustenreiz gekämpft. «Die Masern haben ihren Schrecken verloren», stellt Kantonsarzt Mathias Wenger fest. «Unsere Grossmütter hatten davor noch riesige Angst, da früher rund 5 Prozent der Kinder an Masern starben.» Wenger geht davon aus, dass in der Schweiz heute noch jährlich 40 Kinder sterben würden, wenn die Impfung abgeschafft würde. Derzeit beträgt die Impfrate in der Ostschweiz rund 85 Prozent.

Erste Anzeichen von Masern sind rote Augen, Schnupfen und Fieber. In schwereren Fällen kommt es zu einer Lungen- oder Hirnhautentzündung. Lähmungen und feinmotorische Störungen könnten die Folge davon sein.

Erst nach Wochen informiert

Laut einer Mitteilung des kantonsärztlichen Dienstes soll sich die betroffene Familie bei einem Gottesdienst in der Rüegerholzhalle in Frauenfeld angesteckt haben. Der Anlass fand am 22. März statt, er liegt also bereits drei Wochen zurück. Der Kanton informiert mit grosser Verspätung. «Das liegt daran, dass uns weder der Hausarzt der Familie noch das involvierte Medizinlabor informiert haben», erklärt Kantonsarzt Mathias Wenger. Dabei seien Masern eine meldepflichtige Krankheit. Ein Arzt ist verpflichtet, den kantonsärztlichen Dienst innert 24 Stunden zu informieren, wenn er einen Masernpatienten behandelt.

«Erst das Kinderspital in Münsterlingen hat uns vorbildlich informiert» sagt Wenger. Wer Masern hat, müsse zu Hause bleiben. «Sobald die roten Flecken auftauchen, sollte man fünf Tage lang das Haus hüten.» Danach sei die Krankheit nicht mehr ansteckend. Wer Kontakt mit Masernpatienten hatte, sollte sogar 18 Tage daheim bleiben, sagt Wenger. «Wir werden die Spuren der Masern im Thurgau weiter verfolgen», verspricht der Kantonsarzt.