FAHRVERBOTE FÜR LASTWAGEN: Ärger mit den Brummis

Im beschaulichen Weiler sind lange Lastwagen ein Problem. Sie kommen kaum um die enge Kurve und richten dabei Schäden an. Betroffen sind die Anwohner wie auch die Gemeinde. Jetzt soll es ein Fahrverbot geben.

Rahel Haag
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Ein Lastwagen, der sich in der engen Kurve in Oberwil abmüht. Gekommen ist er aus Richtung Gerlikon, nun soll es rechts Richtung Frauenfeld weitergehen. Links das Haus von Rolf Ernst. (Bild: PD/Rolf Ernst)

Ein Lastwagen, der sich in der engen Kurve in Oberwil abmüht. Gekommen ist er aus Richtung Gerlikon, nun soll es rechts Richtung Frauenfeld weitergehen. Links das Haus von Rolf Ernst. (Bild: PD/Rolf Ernst)

Rahel Haag

rahel.haag

@thurgauerzeitung.ch

«Gott liebt diese Welt» heisst es auf einer Tafel unter dem Bild einer Kirche. Das Schild steht in einer engen Kurve im Weiler Oberwil. Doch hier kommt es einem so vor, als hätte Gott diesen Flecken Erde vergessen.

Oberhalb der Kurve hat Rolf Ernst seine Werkstatt für Motorräder, Quads und Roller. An einem solchen macht er sich gerade zu schaffen. Kühl ist es hier drinnen, während draussen die Sonne brennt. Einige Fliegen schwirren leise surrend umher. Bevor er seiner Besucherin die ölverschmierte Hand reicht, wischt er sie an einem Lappen ab. «Dann wollen wir mal schauen», sagt er und geht voraus.

Ohne Schäden anzurichten, kommt fast keiner rum

Draussen auf dem Vorplatz stützt Rolf Ernst die Hände in die Hüfte und seufzt. Oberwils und somit auch sein Problem sind Lastwagen. Lange Lastwagen, genauer solche über zwölf Meter, die um die enge Kurve fahren. Oder eher fahren wollen, denn das ist fast unmöglich, ohne Schäden anzurichten. 2009 zog Ernst in das Haus, das auf der anderen Strassenseite liegt. Er überlegt. «Lange Zeit war nichts.» Die ersten Fotos von Lastwagen und vor allem deren Kontrollschildern machte er drei Jahre später. Seither wurde immer wieder die Fassade seines Hauses beschädigt. «Zwei Hände reichen nicht, um die Fälle zu zählen.» Viermal habe er die Fassade flicken lassen, schätzt er. Das letzte Mal im vergangenen Jahr. Kostenpunkt: 2500 Franken.

Auch Stefan Angst, Leiter Bauverwaltung der Gemeinde Gachnang, bestätigt, dass die Schäden zugenommen haben. Von denen sind nicht nur Anwohner, sondern auch die Gemeinde betroffen. «Im vergangenen Jahr wurde ein Hydrant umgefahren», sagt Angst. Deshalb soll es nun ein Fahrverbot für Lastwagen auf einem Teil der Zelglistrasse geben. Dieses wird einerseits von Frauenfeld her ab der Zürcherstrasse signalisiert, andererseits soll auf der Oberwilerstrasse von Gerlikon her ein Rechtsabbiegeverbot für Lastwagen signalisiert werden.

Die entsprechende Verkehrsanordnung wurde bei den betroffenen Gemeinden Gachnang und Frauenfeld zweimal aufgelegt. Während des Einwendungsverfahren gingen bei der Gemeinde keine Einwendungen ein. Darauf folgte die öffentliche Auflage. Da die Rekurse in diesem Fall an das Verwaltungsgericht des Kantons Thurgau gehen, steht aktuell noch nicht fest, ob es denn welche gab. Die Vertreter der Gemeinden gehen aber nicht davon aus. Sollten sie recht behalten, «wird die Massnahme noch diesen Sommer umgesetzt», sagt Stefan Angst. Die Kosten würden sich auf rund 2000 Franken belaufen. Getragen würden sie von der Gemeinde Gachnang. «Ich denke, alle Betroffenen sind froh, wenn das Fahrverbot kommt.»

Damit spricht er Rolf Ernst aus dem Herzen: «Ich wäre schampar froh.» Er seufzt. «Dann ­müssen sich die Chauffeure nur noch daran halten.» Täten sie es nicht, könne er wenigstens ­ ohne schlechtes Gewissen die Polizei kommen lassen. «Dann kann diese eine Busse aus­stellen.»

Jedes Mal, wenn er einen Lastwagen kommen sieht oder nur schon hört, rennt er mit dem Handy bewaffnet raus, um ein Beweisfoto schiessen zu können. «Weil ich Angst habe, dass wieder etwas passiert.» So weit sei es schon. «Die Lebensqualität hat gelitten», sagt er müde. Dann wird der Blick plötzlich wach, die Augen weiten sich. «Ich habe im Allgemeinen nichts gegen den Verkehr», stellt er klar. Irgendwo müssten sie ja durch. Nur hier sei es eben zu eng.

Auch dem Postauto macht die Kurve zu schaffen

Der Beweis lässt nicht lange auf sich warten: Das Postauto fährt vorbei. Ein Auto, von Frauenfeld her kommend, muss anhalten, gar zurücksetzen, um Platz zu machen. Es wird vorsichtig manövriert. Derweil bildet sich ein kleiner Stau.

Auf der Rückseite der Tafel mit der Kirche steht ein weiterer Spruch: «Ein heller Morgen ohne Sorgen.» Mit dem Fahrverbot könnte er auch für Rolf Ernst Realität werden.