FAHRFÄHIGKEIT: Diskriminierung von Senioren beenden

Die heutige Alterslimite von 70 Jahren für die erste verkehrsmedizinische Kontrolle ist nicht mehr zeitgemäss. Das sagt unter anderen der Thurgauer Regierungsrat. Doch nicht nur er äussert auch Bedenken.

Larissa Flammer
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Senioren sind heute am Steuer fitter als vor 40 Jahren. (Bild: Trix Niederau)

Senioren sind heute am Steuer fitter als vor 40 Jahren. (Bild: Trix Niederau)

«Diskriminierend, schikanös und wirkungslos.» So bezeichnen die Terz-Stiftung und Top60-Thurgau die obligatorischen verkehrsmedizinischen Kontrollen ab 70 Jahren. Mit dieser Meinung sind die Senioren-Organisationen nicht alleine. Der Aargauer SVP-Nationalrat Maximilian Reimann hat Mitte 2015 eine parlamentarische Initiative eingereicht, um das Alter der ersten Kontrolle auf 75 Jahre hinaufzusetzen. Gleichaltrige Autofahrer in Deutschland, Österreich und Frankreich würden dieser Pflicht nicht unterstehen, so seine Argumentation. Gleichzeitig zeige die Unfallstatistik für Autofahrer ab 70 Jahren in diesen vier Ländern keine nennenswerten Unterschiede.

Der National- und der Ständerat unterstützten die Initiative – entgegen den Anträgen der jeweiligen vorberatenden Kommissionen. Vergangene Woche endete die Vernehmlassungsfrist. Klar gegen die Initiative sprach sich der Regierungsrat Zürich aus: «Die Initiative führt so zu mehr Unfällen im Strassenverkehr und schadet der Verkehrssicherheit. Sie ist deshalb abzulehnen», ist im Sitzungsprotokoll zu lesen.

Top60-Thurgau und die in Berlingen beheimatete Terz-Stiftung nahmen die Stellungnahme des Zürcher Regierungsrats zum Anlass, sich erneut für die Initiative auszusprechen. Vor 40 Jahren sei «willkürlich die Alterslimite eingeführt» worden. Heute seien 70-Jährige gesünder und mobiler als damals. Ausserdem sei die Wirksamkeit periodischer verkehrsmedizinischer Kontrollen ab 70 Jahren nie wissenschaftlich auf ihre Wirksamkeit geprüft worden. «Unter den geschilderten Umständen erachten die Terz-Stiftung und Top60-Thurgau das heutige Vorgehen als klare Altersdiskriminierung und eine unzumutbare Schikane.» Die Erhöhung des Alters für die erste Kontrolle sei ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Menschen werden immer gesünder älter

Die TCS Sektion Thurgau bietet freiwillige Kurse für Senioren an, zu welchen auch eine Fahrstunde gehört. Diese seien eine gute Vorbereitung für die vom Strassenverkehrsamt angeordneten Kontrollfahrten. Die Kurse werden sehr gut besucht, wie Vizepräsidentin Yvonne Gasser sagt. Der TCS gebe nach dem Kurs eine «ganz ehrliche Beurteilung» ab. «Wir empfehlen den Senioren gegebenenfalls auch, den Führerschein abzugeben», sagt Gasser.

Ihrer Meinung nach werden die Menschen immer gesünder älter, was positive Auswirkungen auf ihre Fähigkeiten im Strassenverkehr habe. Grundsätzlich ist die TCS Sektion Thurgau daher für eine Erhöhung der Alterslimite auf 75 Jahre. Trotzdem berge eine Erhöhung der Alterslimite für die erste verkehrsmedizinische Kontrolle auch Gefahren. «Fünf Jahre sind in diesem Alter eine lange Zeit.» Gerade hinsichtlich des Gesundheitszustandes könne sich viel verändern.

Der Thurgauer Regierungsrat beschloss nach ausgiebiger Diskussion, die Initiative ebenfalls zu begrüssen. Die Argumente dafür waren gemäss Regierungsrätin Cornelia Komposch, dass die Alterslimite noch aus den 70er-Jahren stamme und die Menschen seither im Alter körperlich und geistig fitter seien. Eine Anpassung sei eine Angleichung an die Nachbarländer und eine Stärkung der Eigenverantwortung. Die Bedenken des Regierungsrats zielten auf die Tatsache, dass Altersgebrechen und Krankheiten altersunabhängig einsetzen und Betroffene den Führerausweis kaum eigenverantwortlich abgeben. Laut Komposch kam der Regierungsrat nach der Diskussion zum Schluss, «dass eine Erhöhung der Alterslimite verantwortet werden kann».