Fahrende fühlen sich ausgebremst

FRAUENFELD. Schweizer Jenische haben einen weiteren Anlauf unternommen, um vom Kanton Thurgau bessere Plätze zu verlangen. Mehr als leere Versprechen hätten sie aber nicht bekommen. Sie sehen ihren Ruf durch ausländische Romas geschädigt.

Silvan Meile
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Die Fahrenden sind auf Plätze zum Anhalten angewiesen. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Die Fahrenden sind auf Plätze zum Anhalten angewiesen. (Bild: ky/Ennio Leanza)

«Als Jenischer wird man geboren. Und als Jenischer stirbt man», sagt Claude Gerzner, Schweizer Fahrender. Wer nicht in eine Sippe geboren werde, könne höchstens durch Heirat dazugehören. Das ganze Jahr ist Gerzner unterwegs. «Nach Polen, Deutschland, England, Frankreich und Spanien», erzählt er, sei er im laufenden Jahr gefahren. Jährlich komme er auch in den Thurgau. Deshalb weiss er genau, was die Schweizer Fahrenden in diesem Kanton vermissen.

Jenische fordern Sanierung

«Wir haben im Thurgau zu wenig und zu kleine Durchgangsplätze», sagt Gerzner. Deshalb hatte die Bewegung Schweizer Fahrenden Anfang Jahr in Amriswil den Kontakt mit der Kantonsregierung gesucht, um einmal mehr auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Die vorhandenen Plätze für Fahrende in Weinfelden, Frauenfeld, Kreuzlingen und Märstetten sollen vergrössert werden. 2 bis 5 Wohnwagen hätten heute dort Platz, 12 bis 15 wären ideal, finden die Jenischen. Sie verlangen auch Strom, Wasser und sanitäre Anlagen an allen Plätzen. Dafür würden sie auch bezahlen, sagt Gerzner und spricht von einer zeitgemässen Sanierung der Plätze, die schon seit Generationen von Fahrenden zum Anhalten genutzt werden. Und einen zusätzlichen Platz in Amriswil verlangen die Fahrenden ebenfalls.

Mehr Romas als sonst unterwegs

Die Schweizer Fahrenden fühlen sich ausgebremst. Ihr steter Ruf nach mehr Standplätzen bleibt meistens unerhört. «Seit dem Treffen Anfang Jahr mit Regierungsrätin Carmen Haag haben wir aus dem Thurgau nichts mehr gehört», sagt Gerzner. Mehr als das Versprechen, sich der Problematik anzunehmen, hätten sie im Thurgau nicht erhalten: «Alles nur leere Versprechungen.»

Stattdessen habe gerade im Thurgau der Ruf der Jenischen wegen der ausländischen Romas gelitten, die sich in diesem Sommer offensichtlich den Ostschweizer Kanton zum Anhalten ausgesucht haben. In unterschiedlich grossen Verbänden sorgten Sippen aus dem Elsass in Toos, Wängi und Münchwilen für Aufregung. Claude Gerzner sagt: «Wenn die eine Sauerei hinterlassen, schadet das uns. 2000 bis 3000 ausländische Fahrende seien diesen Sommer durch die Schweiz gezogen, «viel mehr als sonst», sagt Mike Gerzner, Präsident der Bewegung Schweizer Fahrenden. Nicht nur durch liegengelassenen Abfall, sondern auch durch Hausierer, die «dreimal teurere und keine saubere Arbeit» abliefern, seien die Romas ein Problem für den Ruf der hiesigen Fahrenden.

Die Schweizer Jenischen würden hier normal Steuern zahlen. Im Textilhandel sei er tätig, sagt Claude Gerzner, habe allerorts seine Kunden. Andere Jenische würden vor allem Gartenarbeiten machen, Scheren und Messer schleifen.

Nichts mehr gehört vom Kanton

Der Wunsch Schweizer Jenischer nach mehr und grösseren Durchgangsplätzen für Fahrende im Thurgau ist nicht neu. Im April 2014 suchte bereits die Radgenossenschaft der Landstrasse, die Dachorganisation Schweizer Jenischer, ebenfalls das Gespräch mit der Thurgauer Regierungsrätin Carmen Haag. Sie äusserten bereits dieselben Anliegen.

Damals sagte die Regierungsrätin, sie werde die Situation analysieren und die Möglichkeit neuer Lösungen für die Fahrenden ausarbeiten. Seit 1998 sind die Schweizer Jenischen vom Bund als nationale Minderheit anerkannt. «Wir haben seither nichts mehr gehört», sagt Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse. Doch auch er meldete sich nicht mehr. Zwischenzeitlich kam er in einem Bericht des «Beobachters» wegen einem Loch in der Genossenschaftskasse unter Druck.

Was der Kanton über die Anliegen der Fahrenden denkt, bleibt ungewiss. Regierungsrätin Carmen Haag war in den vergangenen Tagen für eine Stellungnahme nicht erreichbar.