«Extrem viele Anrufe»

Frauenfeld. Am letzten Freitag durften einzelne Obstbauern das letzte Mal in diesem Jahr Streptomycin spritzen. In zwei bis drei Wochen weiss man, wie viel es genützt hat.

Markus Schoch
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Die Obstbauern können fürs erste aufatmen. Die meisten Obstbäume sind verblüht, und damit ist auch eine der hauptsächlichen Eintrittspforten für den Feuerbrand-Erreger geschlossen.

Während der Blust durften die rund 300 Obstbauern im Thurgau mit einer Bewilligung die Bäume einer Parzelle maximal dreimal mit Streptomycin behandeln, um die Bakterien zu töten, nachdem die zuständigen Stellen das Mittel aufgrund der Infektionsgefahr freigegeben hatten – das letzte Mal für vereinzelte Bewirtschafter am Freitag.

Was die Streptomycin-Dusche genützt hat, lasse sich in zwei bis drei Wochen abschätzen, sagt Hans Stettler, der Chef des Landwirtschaftsamtes.

Klar ist schon jetzt: Die dreimalige Behandlung sollte die Bäume eigentlich vor dem Schlimmsten bewahrt haben. Selbst wenn es den Bauern erlaubt gewesen wäre, öfter zu spritzen, wäre es gemäss Stettler aufgrund der Witterungsverhältnisse nicht nötig gewesen.

Keine Strafverfahren

Mit dem Ablauf des kontrollierten Streptomycin-Einsatzes ist Stettler nach eigenen Worten «zufrieden». Für ein nächstes Mal müsse nichts geändert werden.

Die Obstbauern hätten sich an die strengen Auflagen des Bundes gehalten. Es gingen im Thurgau lediglich vier Anzeigen ein, weil die Landwirte angeblich die Sicherheitsabstände zu den angrenzenden Grundstücken nicht eingehalten hatten beziehungsweise das Antibiotikum ausserhalb der erlaubten Spritzzeiten ausbrachten. Die Vorwürfe erwiesen sich laut Stettler jedoch als unzutreffend, so dass keine Strafverfahren eingeleitet wurden.

Zu spüren bekam Stettler jedoch eine gewisse Verunsicherung in der Bevölkerung. «Ich hatte extrem viele Anrufe und Mails.» Zum einen wandten sich viele Imker an ihn, die erfahren wollten, wie es denn jetzt weitergehe – was sie aufgrund einer Information des Kantons vom April eigentlich hätten wissen müssen. Zum anderen fragten sich besorgte Bürger, warum sich die Obstbauern im Umgang mit Streptomycin schützen müssten, nicht jedoch die Nachbarn und Passanten. Stettler nahm sich für alle gerne Zeit. «Ich konnte so direkt auf die Befürchtungen reagieren.»

Honig wird untersucht

Die Arbeit ist noch nicht erledigt. In den nächsten Tagen zeigt sich, bei welchen Imkern die Kontrolleure des Kantons vom Honig eine Probe ziehen müssen, die dann auf Antibiotika-Rückstände geprüft wird. Betroffen sind alle Bienenzüchter im Umkreis von drei Kilometern einer Obstanlage, die mit Streptomycin behandelt wurde. Die Meldefrist für die Obstbauern läuft am 15. Juni ab, Stettler will ihre Rückmeldungen aber möglichst schnell, um vorwärts machen zu können.

Ein bisschen Geduld wird er noch brauchen – wegen der Bienen. Sie sind etwas in Verzug aufgrund der Bise, die lange wehte und ihnen das Leben schwer machte. Nicht alle Honigwaben sind schon voll, so dass sie geschleudert werden könnten. Stettler rechnet damit, dass es da und dort noch zwei Wochen dauern wird.

Resistenz-Analyse

Doch nicht nur der Honig wird untersucht, sondern auch die Bakterien in den Obstanlagen. Die Forschungsanstalt Wädenswil prüft, ob sie Resistenzen gegen Streptomycin bilden.

Im Thurgau gehen die Wissenschafter der Frage auf drei Parzellen nach, auf denen verschiedene Experimente gemacht werden nach Angaben von Urs Müller, Berater bei der Fachstelle Pflanzenbau auf dem Arenenberg.

Der Kanton betreibt in einem separaten Projekt ebenfalls Feuerbrand-Forschung, und zwar in einem (infizierten) Hochstamm-Obstgarten. Dort stehen unter anderem 14 Bäume, die eigentlich im letzten Jahr gerodet werden sollten, die dann aber stehen bleiben konnten, weil der Besitzer die kranken Äste mit viel Aufwand wegschnitt. Der Versuch soll zeigen, ob sich der Aufwand gelohnt hat und welche Sorten vergleichsweise resistent sind.

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