Experimentierfeld Sprache

Die 13. Frauenfelder Lyriktage zeigten am Wochenende, was Lyrik heute bedeuten und was mit Sprache angestellt werden kann. Die Neugier des Publikums wird dabei vorausgesetzt – sein Einverständnis nicht.

Severin Schwendener
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Urs Engeler (weisses Shirt) moderiert das Podiumsgespräch von Autoren und Musikern an den Frauenfelder Lyriktagen. (Bild: Andrea Stalder)

Urs Engeler (weisses Shirt) moderiert das Podiumsgespräch von Autoren und Musikern an den Frauenfelder Lyriktagen. (Bild: Andrea Stalder)

FRAUENFELD. Als standhafter Fels in der Brandung würden die Frauenfelder Lyriktage oft bezeichnet, sagt Kathrin Zellweger, Stiftungsrätin der Kulturstiftung des Kantons Thurgau, welche die Lyriktage seit nunmehr 24 Jahren veranstaltet. Eine lange Zeit und eine schwierige für die Lyrik obendrein. Waren die anfangs von Jochen Kelter und Beat Brechbühl veranstalteten Lyriktage einst ein regelrechter Publikumsmagnet, ist es heute deutlich ruhiger geworden im Eisenwerk, das Publikum überschaubar. Doch anders als ähnliche Veranstaltungen gibt es die Frauenfelder Lyriktage nach wie vor, und die Zeichen mehren sich, dass der Lyrik bessere Zeiten bevorstehen. Es gibt wieder mehr auch junge Lyriker, und was früher schier undenkbar schien, wurde dieses Jahr Wirklichkeit: Jan Wagner gewann als erster Lyriker überhaupt den Leipziger Buchpreis.

Nicht nur Gedichte

«Lyrik, das sind nicht nur Gedichte», stellt Peter Höner, ebenfalls Stiftungsrat der Kulturstiftung, gleich zu Beginn des Podiumsgesprächs klar und widerspricht damit einem wohl weit- verbreiteten Vorurteil. «Lyrik ist auch ein Experimentierfeld, auf dem man ausprobieren kann, was mit Sprache alles möglich ist. Lyrik soll provozieren, vor allem aber soll sie herausfordern.» Den wachen Geist der Zuschauer, ihr Denken. «Man darf sich ruhig fragen: Was machen die jetzt wieder?»

Dass man mit vorgefassten Meinungen und Erwartungen an den Lyriktagen am falschen Ort ist, bestätigt auch Kathrin Zellweger. «Neugier und Offenheit für Neues sind wichtige Voraussetzungen, um an die Lyriktage zu kommen», sagt sie. «Man geht hin, um in etwas Neues einzutauchen. Nicht, um etwas Bekanntes zu konsumieren.»

Ja, Ja, Nein, Nein

Etwas Neues wie etwa, acht Lyrikern auf einem Podium zuzuhören, wie sie sich über die Wörtchen Ja oder Nein unterhalten und dabei unter anderem zur Feststellung gelangen, dass bei Wahlen die leeren Stimmzettel ebenfalls gültig sind, also auch jener eine valable Meinung vertritt, der sich nicht auf das eine oder andere festlegen will.

Etwas Neues aber auch, ebendiese Lyriker Texte vortragen zu hören, die so lange sind, dass man sich fragt, wo hier die für Lyrik typische Verdichtung und Verknappung bleibt. Oder aber die samstagabendliche «Poetry Performance», die Lyrik und Performance verband. «Die Lyrik hat sich massiv verändert seit den ersten Lyriktagen», sind sich Zellweger und Höner in ihrem Fazit denn auch einig.

Die Masse wird nie kommen

Genau diese stetige Veränderung ist jedoch charakteristisch für jedes Experimentierfeld. Die Innovation hört da auf, wo Begriffe zementiert und das freie Denken in geordnete Bahnen gelenkt werden. Dass diese Art der Veranstaltung nie ein Massenpublikum anziehen wird, ist genau so klar wie die Tatsache, dass es sie in einer lebendigen Kulturszene braucht. Der Kulturstiftung ist es daher hoch anzurechnen, dass sie ungeachtet aktueller Trends den Acker für dieses Experimentierfeld bereitstellt.