EXOTIK: Ein Hauch von Kurkuma

Der gebürtige Inder Gurinder Chahal erzeugt und verkauft Gewürze und Chutneys. Er hat sehr klein angefangen. Heute sind seine Pfannen grösser und die Arbeitstage länger.

Daniela Huber, Rothenhausen
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Daniela Huber, Rothenhausen

redaktion@thurgauerzeitung.ch

Es war einmal ein kleiner Junge in Indien, in der Provinz Punjab. Er zog aus der Erde auf dem elterlichen Bauernhof Kurkuma und Ingwer und roch ­daran. «Damals hat es angefangen», sagt Gurinder Chahal, seine Faszination für Gewürze und deren Gerüche. Seine Kindheit auf dem Bauernhof, umgeben von exotischen Getreiden, Früchten und Gemüse, habe in ihm das Flair für Geschmack geweckt. «Und natürlich meine Mutter, die unvergleichlich kochen kann. Ich habe ihr schon als Kind zugeschaut. Bis heute haben wir stundenlange Diskussionen über das Essen und Kochen».

Herr Chahal ist ein bescheidener Mensch, der nicht gerne über sich redet, gerne aber Lebensweisheiten und freundliche Worte sagt. «Wenn man sich etwas wünscht und beständig daran denkt, wird es auch irgendwann wahr», sagt er etwa – und weist auf die Erfüllung seines Traumes hin: Eine eigene Gewürzfabrik, die sich seit 2012 in Rothenhausen befindet und Betriebe und Privatpersonen in der ganzen Schweiz mit farbenfrohen Produkten versorgt. An der Kreuzung der Schulstrasse und Märwilerstrasse riecht es blumig und scharf nach orientalischen und vertrauten Düften zugleich. Chili, Pfeffer, Salatkräuter und Curry vereinen sich zu einem einzigen Geruch, der von fernen Ländern und nahen Erinnerungen erzählt.

Er hat viele Schubladen in seinem Kopf

Bis hierhin war es ein langer Weg, den Herr Chahal mit grosser ­Zielstrebigkeit verfolgte. Er sei früh eingeschult worden, sagt er schlicht, und habe dann auch noch zwei Klassen übersprungen, so dass er bereits mit fünfzehn Jahren an die Universität gehen durfte. «Ich habe ein gutes Gedächtnis», antwortet er auf die Frage, wie er so schnell gelernt habe. Und: «In meinem Kopf hat es ganz viele Schubladen, die kann ich aufziehen und das herausnehmen, was ich brauche.» Er lacht herzlich und belustigt. Und sagt: «Ich weiss auch nicht, wie das funktioniert, aber es funktioniert.» Die Schule verliess Herr Chahal als Profisportler und schrieb sich für ein Sportstudium an der Uni in Hoshiarpur in Punjab ein. «Von der Vergangenheit kann man nur lernen, die guten Dinge mitnehmen und sich dann vorwärtsbewegen», bemerkt er . In seiner Zeit als Diskuswerfer habe er viel Disziplin gelernt. Das spürt man auch noch heute, in der Sorgfältigkeit wie sich Herr Chahal ausdrückt, und wenn er von der Verarbeitung seiner ausgewählten Produkte erzählt.

Auf der Theke der blitzblank glänzenden Küche steht eine Schüssel mit frischgerüsteten Datteln, von einer Klarsichtfolie bedeckt. Auch die Orangen sind bereits geschnitten im Kühlschrank, die Zwiebeln gedünstet und beiseitegestellt, so dass er sich nach dem Interview um das Kochen seines Chutneys «Datteln Orangen» kümmern kann.

Wie er vom Punjab nach ­Zürich gekommen ist und angefangen hat, im «Glockenhof» als Koch zu arbeiten, möchte Herr Chahal nicht erläutern, fügt aber mit einem versöhnlichen Augenzwinkern hinzu: «Das Schicksal hat entschieden, dass ich in der Schweiz bleiben sollte.»

Das Schicksal meinte es gut, denn wenige Jahre später führte er sechs Detailhandelsbetriebe mit 27 Angestellten. Da habe er gelernt, Verantwortung zu übernehmen und mit Menschen zu arbeiten. Was auch in jener Zeit geschah: Der junge Unternehmer fing in seiner Küche an, eigene Chutneyrezepte zu entwerfen. Gemeinsam mit seiner Partnerin Angela Messerli beschriftete er schliesslich von Hand die Gläser und bietet sie in seinen Läden zum Verkauf an. Das Echo der ersten Konsumenten war riesig, man fragte nach mehr. Da wusste er, dass es so weit war, und ­kurze Zeit darauf machte er sich selbstständig mit seinem Traum von exotischen Gewürzen.

Zurzeit sind die Träume grösser

Jetzt schaut Herr Chahal auf die eine Pfanne, die, wesentlich kleiner als die anderen, im Regal steht. «Damit haben wir angefangen.» Jetzt sind die Töpfe und Mühlen grösser, die Träume realer und die Tage länger. Er selbst schneidet nicht nur Datteln und Orangen für das Chutney, er degustiert, kocht, liefert und klebt Etiketten auf die Gläser.

«Vierzehn- bis FünfzehnStunden-Tage sind normal», stellt er fest und wirkt kein bisschen müde. Herr Chahal steht ­jeden Morgen um fünf Uhr auf. Dann meditiert er eine Viertelstunde, drei- bis viermal pro Woche geht er ins Fitnesscenter, und bevor er dann zur Arbeit fährt, sagt er eine Art Gebet. Es richtet sich an keine bestimmte Gottheit, aber er sagt jeden Morgen Danke und erbittet sich Schutz und Gelingen für den Tag, der vor ihm liegt. «Ich bin ein Mensch, der nicht viel schläft», sagt er: «Ich sage immer, ich schlafe einmal, und dann richtig. Aber jetzt ist es Zeit zu leben.»

gurinder.ch