EXIT: Fälle von Sterbehilfe im Thurgau nehmen zu

So viele wie noch nie wählten den begleiteten Freitod: 2016 haben im Thurgau 22 Menschen ihr Leben mit der Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation beendet. Schweizweit dürften es mehr als tausend sein.

Silvan Meile
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Eine tödliche Dosis des Schlafmittels Pentobarbital-Natrium führt Sterbewillige in den Tod. (Bild: Keystone)

Eine tödliche Dosis des Schlafmittels Pentobarbital-Natrium führt Sterbewillige in den Tod. (Bild: Keystone)

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch

Wenn die letzte Stunde schlägt, wird es still im Raum. «Geredet wird meist nicht mehr viel, denn an diesem Tag ist alles gesagt», erzählt Sterbebegleiterin Heidi Iller. Auf dieser letzten Reise beruhigt zuerst ein Mittel die Nerven im Magen. Dann muss der Sterbewillige nochmals ausdrücklich bestätigen, dass es sein freier Wille ist, nun in den Tod zu gleiten. Daraufhin wird die töd­liche Dosis des Schlafmittels Natrium-Pentobarbital verabreicht. Zwei, drei Minuten später setzt der Tod ein. 22 Menschen schieden im Thurgau 2016 mit Unterstützung einer Sterbehilfeorganisation aus dem Leben.

Jeden Fall untersucht, kein Strafverfahren eröffnet

Heidi Iller vom Verein Exit berichtete vor drei Wochen in Frauenfeld aus erster Hand über Sterbehilfe, auf Einladung der Seniorengruppe Top-60-Thurgau. Exit ist die einzige Sterbehilfeorganisation, die im Thurgau aktiv ist. Die Nachfrage nach dem selbstbestimmten Tod steigt in der Schweiz von Jahr zu Jahr deutlich an. Auch im Thurgau begleitet der Verein immer mehr Sterbewillige. Im landesweiten ­Vergleich bewegen sich hier die Zahlen jedoch auf einem tiefen Niveau.

Zwar hält Exit die Zahlen des vergangenen Jahres noch zurück. «Die Statistik 2016 ist noch in Erhebung und wird im März publiziert», schreibt Exit-Geschäftsführer Bernhard Sutter auf ­Anfrage. Eine Nachfrage bei der Thurgauer Staatsanwaltschaft zeigt, dass die Kantonspolizei in 22 Fällen – so vielen wie noch nie – wegen Sterbebegleitung ausrückte. Sie muss bei jedem begleiteten Suizid gerufen werden. «Bei Fällen von Sterbehilfe eröffnet die Staatsanwaltschaft in jedem Fall ein Ermittlungsverfahren und rückt zusammen mit dem Amtsarzt und der Polizei an den Ereignisort aus», erklärt Stefan Haffter, Mediensprecher der Thurgauer Staatsanwaltschaft.

Die Behörden überprüfen, ob die rechtlichen Bestimmungen für Sterbehilfe eingehalten wurden. In der Schweiz ist Beihilfe zu Suizid straffrei, solange der Helfer nicht davon profitiert. Das tödliche Mittel dürfen nur urteilsfähige Personen bekommen, die nicht im Affekt handeln. Auch müssen sie es selber einnehmen können. Exit begleitet ausserdem nur Menschen mit unheilbarer Krankheit, unerträglichen Beschwerden oder unzumutbarer Behinderung in den Tod. Zu einem Strafverfahren gegen eine in einem Fall von Sterbehilfe involvierte Person kam es gemäss Hafter 2016 nicht. Der Blick in die Geschäftsberichte des Kantons Thurgau zeigt, dass dies bisher noch nie der Fall war.

Bis auf das vergangene Jahr hatten alle Personen, die sich für begleiteten Suizid im Thurgau entschieden, auch ihren Wohnsitz in diesem Kanton. 2016 wählte zudem eine Person mit Wohnsitz in einem Pflegeheim eines angrenzenden Kantons ihren Freitod am Wohnort ihrer Angehörigen im Thurgau, weiss Haffter. Wie viele Personen aus dem Thurgau Sterbehilfe in einem anderen Kanton beanspruchten, könne mangels örtlicher Zuständigkeit nicht beantwortet werden. Das kommt aber durchaus vor. Zahlen von Exit haben beispielsweise 2014 gezeigt, dass damals für vier Thurgauer Sterbehilfe in einem anderen Kanton geleistet wurde.

Kritische Interpellation im Grossen Rat

Trotz der steigenden Nachfrage nach Sterbehilfe bleibt diese in der Bevölkerung umstritten. «Es kann auch in einem durch und durch liberalen Staat kein Fortschritt sein, wenn der Suizid zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit wird», schreibt etwa Kantonsrat Andrea Vonlan­then (SVP, Arbon) in der noch hängigen Interpellation «Sterbehilfe im Thurgau». Darin richtet er diverse Fragen an den Regierungsrat und erwähnt, dass 2015 in der Schweiz 995 Personen Sterbehilfe beanspruchten und die Gefahr bestehe, «dass die Sterbehilfe selbst in einem ländlich geprägten Kanton wie dem Thurgau zur Normalität wird». Denn je selbstverständlicher der begleitete Suizid werde, desto mehr würden auch alte und einsame Menschen das Gefühl erhalten, nur noch eine Belastung für die Gesellschaft und die Angehörigen zu sein.