Eschenzer Alphorntöne

Olma-Krimi von Daniel Badraun – dritter Teil

Merken
Drucken
Teilen

Drei Biester starren mich aus blutunterlaufenen Augen an. Ihr Fell schimmert in verschiedenen Brauntönen, Hundeliebhaber würden von Milchkaffeefärbung sprechen. Mir fehlt in dieser heiklen Situation allerdings jeglicher Sinn für Poesie. Auch kann ich die Begeisterung für die Kampfmaschinen mit Schnauzen wie Schubladen nicht teilen.

«Signor Floriano?»

«Ja?» Meine Stimme klingt brüchig und dumpf im Kellerraum.

«Sind Sie da drin?»

«Ja, lassen Sie mich raus, ich muss mit Ihnen sprechen.»

«Volevi chiedere scusa? Wollten Sie sich bei mir entschuldigen?»

«Entschuldigen? Dafür, dass Sie meine Freundin entführt haben?», rufe ich etwas zu heftig.

Die drei Hunde vor mir beginnen zu knurren.

«Scht», versuche ich, sie zu beruhigen.

«Ma no, was sagen Sie da? Ihre amica, ihre Freundin hat mich beleidigt. Am Telefon. Wissen Sie noch? L’altro giorno sagte sie viele unschöne Dinge, die mich und meine famiglia beleidigten. Sie brachte mich sogar in die Nähe der Mafia. Dabei sind wir Caporeses gente onorevole, ehrbare Leute.»

«Das glaube ich gerne. Aber wie war das wieder mit dem Staub-Blitz?» Wieder zu laut, wieder das böse Knurren. Diesmal er­heben sich die drei Hunde und machen einen Schritt auf mich zu.

«Bitte, lieber Herr Caporese, lassen Sie mich raus. Das war alles nicht so gemeint.»

«Back!» Obwohl die Tiere ihren Herrn nicht sehen, weichen Sie zurück.

«Was haben Sie mir zu bieten, Signor Floriano?»

«Die Entschuldigung. Und eine schnelle Begleichung meiner Schulden», brumme ich.

Beim Pizzakönig Rosario

«Perfetto. Due giorni. Va bene?»

«Aber zwei Tage sind eine verdammt kurze Zeit.»

«Avete fame?» Ja, es scheint, als ob die Hunde Hunger hätten, denn nun stehen sie auf und kommen zähnefletschend auf mich zu. Wenn ich nicht nachgebe, muss ich nie mehr über meine Schulden nachdenken.

«Einverstanden», rufe ich, als die ersten zwei Schnauzen meine Beine beschnuppern.

Die Türe öffnet sich, ein strah­lender Rosario Caporese kommt herein, in der Rechten hält er einen grossen Napf mit blutigen Fleischstücken, gierig fallen die Hunde über das Fressen her.

«Espresso?» Mit zitternden Knien folge ich dem Pizzakönig von Frauenfeld hinauf in sein Restaurant und lasse mich auf einen Stuhl fallen. Im Hintergrund ertönt Lucio Dallas Lied von der «Piazza Grande».

«Pina, Cafè.» Die dunkelhaarige Frau hinter dem Tresen lässt die glänzende Maschine zischen und stellt uns dann die Tassen auf den Tisch. Nach dem ersten Schluck geht es mir etwas besser.

«Wenn ich in zwei Tagen zahlen soll, dann müssten die Werbebriefe schon vorgestern rausgegangen sein.»

«Niente Werbebriefe.» Caporese schaut mich aus unschuldigen Augen an. «Ihre Freundin wollte das nicht, da habe ich die ganze Aktion abgebrochen. Sie haben die 1000 Staub-Blitze bekommen und mir dreitausend bezahlt. Die fehlenden fünftausend sind in zwei Tagen fällig. Sie können immer noch viel verdienen.» Händereibend steht er auf. «Signor Floriano, es ist eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen. Arrivederci. Der Kaffee geht aufs Haus.»

Unfähig, zu reagieren, rühre ich in der Tasse, während Umberto Tozzi seine «Gloria» besingt.

«Problemi?» Pina stellt mir ein Glas Wasser hin.

«Grandi problemi. Zuerst einmal brauche ich dringend Geld. Und dazu ist meine Freundin verschwunden», sage ich und zeige ihr ein Foto von Mina.

«Una bella ragazza. Sie war gestern hier. Mit einer anderen Frau.»

«Und was haben sie gemacht?»

«Mangiato la pizza.» Pina lächelt. «Diavola piccola con insalata mista. E un mezzo Nero d’Avola.»

«Und worüber haben sie gesprochen?»

«Turismo e mele.» Sie zuckt mit den Schultern.

Ein magistraler Elefant

«Was hat meine Freundin mit Honig zu tun?»

«Non miele.» Pina lacht. «Sie haben über mele gesprochen, über Apfel. L’altra donna ist im parlamento, capito?»

«Grazie.» Jetzt habe ich verstanden. Mina war gestern hier mit einer Frau, die im Parlament sitzt. Vielleicht bringt mich diese Spur weiter und ich finde jemanden, der die Dame mit den Äpfeln kennt. Bis zum Frauenfelder Rathaus ist es nicht weit. Schwungvoll öffne ich die Türe und trete ein.

«Kann ich Ihnen helfen?», fragt mich die Dame beim Empfang.

«Tagt hier der Grosse Rat des Kantons Thurgau?»

«Manchmal», sagt sie und lächelt vielsagend. «Von Frühling bis Herbst finden die Versammlungen oben im Saal statt. Jetzt aber ...»

«Danke», rufe ich und haste die Treppe hinauf, ohne auf weitere Erklärungen zu warten. Je weiter ich hinaufkomme, desto mul­miger wird mir, denn ich weiss nicht, ob ich als Aussenstehender einfach in eine angeregte Diskussion hineinplatzen kann. Möglicherweise werde ich ganz einfach von Sicherheitsbeamten hinausgeworfen, bevor ich meine Fragen stellen kann.

Gerade will ich eintreten, da erschreckt mich ein Geräusch, das wie das Niesen eines Elefanten tönt. Statt unseres Wappen­löwens buhlt da drin ein grauer Dickhäuter um die politische Gunst des Kantons. Ich muss meinen ganzen Mut zusammennehmen, um die Falle zu drücken. Dann bin ich erst einmal sprachlos. Inmitten der Pracht des Saales steht dieser grosse Mann vor mir, der in ein Alphorn bläst.

«Tagt hier nicht der Grosse Rat?», frage ich, als der Spieler sein Instrument absetzt.

«Der Rat tagt alle zwei Wochen am Mittwoch. Im kühlen Halbjahr finden die Sitzungen in Weinfelden statt. Und so ist der Saal über Winter mein Übungsraum.»

«Kennst du eine Parlamentarierin, die gerne über Äpfel spricht?»

«Wenn du etwas über Äpfel erfahren willst, musst du in meine alte Heimat fahren», sagt der Musikant und beginnt, einen Alpsegen zu blasen.

Langsam gehe ich die Treppe hinunter. «Hat er Ihnen etwas vorgespielt?», fragt die Dame beim Empfang.

«Er sagte etwas von der alten Heimat», antworte ich.

«Unser Stadtpräsident stammt aus Eschenz am Untersee.» Sie wendet sich wieder ihren Unterlagen zu.

«Ich suche nach einer Politikerin, die gestern mit meiner Freundin bei Rosario Pizza gegessen hat», versuche ich es auch bei ihr.

«Meinen Sie vielleicht Simona?» Die ist heute oben beim Stählibuckturm. Etwas Politisches.

Sie drückt mir einen giftgrünen Flyer mit dem Slogan «Genug ist genug» in die Hand.