Es werden Fantasiepreise bezahlt

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Seeanstoss Dass die Wohngegend am Thurgauer Bodenseeufer sehr gefragt ist, bestätigen die betroffenen Gemeinden. «Wir stellen fest, dass es eine rege Bautätigkeit gibt, die in den vergangenen Jahren noch zugenommen hat», sagt der Uttwiler Gemeindepräsident Stephan Good. Freies Bauland sei sehr rar und auch der Leerwohnungsanteil gering. Dasselbe berichtet der Ermatinger Gemeindepräsident Martin Stuber: «Der Markt ist nach wie vor überhitzt. Es gibt relativ selten leere Immobilien oder Bauland. Dafür wird dann entsprechend viel gezahlt.» Er spricht von «Fantasiepreisen». In Steckborn ziehen jährlich 40 bis 50 Personen zu. Dadurch gibt es gemäss Stadtpräsident Roger Forrer relativ wenig Leerstand. Etwas Bauland gebe es am See noch. «Das Problem ist die Baulandhortung», sagt Forrer. Vor allem seit dem Moratorium des Bundes, das keine Neueinzonungen mehr erlaubt. Vor 15 Jahren habe man an bester Lage im Zentrum 250 Franken pro Quadratmeter gezahlt, heute seien es 500 Franken. Mittelfristig würden in Steckborn aber auch bezahlbare Wohnungen mit einem guten Standart gebaut.

Der Grund für die Beliebtheit des Bodenseeufers ist der Seeanstoss. Experten der Immobilienberatungsfirma Wüest Partner haben den Wert der Seenähe konkret errechnet, wie es in einer Medienmitteilung von Fleischmann Immobilien heisst. Wolle man weniger als hundert Meter von einem See entfernt wohnen, betrage der Zuschlag zum Marktwert mindestens zwölf Prozent. Bei weniger als 30 Metern liege er sogar bei einem Viertel oder mehr. Immobilienexperte Werner Fleischmann ist überzeugt, dass die Preise aufgrund dieses Liebhaberwerts zum Teil sogar noch viel höher sind.

Enteignungen sind nicht realistisch

Nicht überall ist das Thurgauer Bodenseeufer öffentlich zugänglich. Das Gemeindegebiet von Uttwil beispielsweise ist zweigeteilt. Vom Restaurant Pier in Richtung Kreuzlingen führt ein Fussweg dem Seeufer entlang. In Richtung Romanshorn befinden sich Liegenschaften direkt am Wasser. «Dort führt der Seeradweg hinter den Liegenschaften durch», sagt Gemeindepräsident Good. In Ermatingen gibt es keinen Uferweg. Dafür hat es dort mehrere Bereiche, an denen die Öffentlichkeit an den See stossen kann. «Ich finde, wir haben in Ermatingen einen relativ hohen Anteil an öffentlichem Seezugang», sagt Gemeindepräsident Stuber. Auch in Steckborn gibt es keinen Uferweg. Stadtpräsident Forrer sagt, dass ein solcher kaum realisierbar sei. Die Häuser seien teilweise direkt ans Wasser gebaut und eine Enteignung von privaten Grundstücken sei auch nicht realistisch.

Im Jahr 2012 verfasste Toni Kappeler (Grüne, Münchwilen) einen Vorstoss mit dem Titel «Uferparzellen in die öffentliche Hand», der dem Kanton ein Vorkaufsrecht für Uferparzellen verschaffen sollte. Er wurde für nicht erheblich erklärt. Der Regierungsrat verwies in seiner Antwort auf den im Gesetz über die öffentliche Zugänglichkeit der Ufer verankerten Fonds. Von 1984 bis 2012 seien über vier Millionen Franken an Beiträge an den Erwerb oder für den Erwerb von Parzellen bewilligt worden. Kanton und Gemeinden würden über die gesetzliche Grundlage und die nötigen Mittel verfügen, um die Zugänglichkeit der Ufer im öffentlichen Interesse zu fördern.

Kantonsplanerin Andrea Näf-Clasen vom Amt für Raumentwicklung sagt, dass die Gemeinden betreffend öffentlichen Seezugangs sensibilisiert sind. «Das ist ein Punkt der Uferplanung, die am Untersee bereits umgesetzt ist und am Obersee noch läuft», sagt sie. Ihrer Meinung nach ist das Thurgauer Seeufer vielerorts an attraktiver Lage für die Öffentlichkeit zugänglich. «Es liegt aber auf der Hand, dass das nicht durchgehend möglich ist.» (lsf)