Es fliesst sogar der Verkehr

Mein Cousin, der Steckborner Turmspatz, ist eine Nervensäge. Dauernd bedrängt er mich mit seinen Fragen und bestimmt das Thema dieser Kolumne. Statt dass ich frei über meine Region plaudern kann, lenkt er meine Interessen. Heute, das habe ich mir fest vorgenommen, lasse ich mich nicht beirren.

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Mein Cousin, der Steckborner Turmspatz, ist eine Nervensäge. Dauernd bedrängt er mich mit seinen Fragen und bestimmt das Thema dieser Kolumne. Statt dass ich frei über meine Region plaudern kann, lenkt er meine Interessen. Heute, das habe ich mir fest vorgenommen, lasse ich mich nicht beirren. Heute werde ich ihn mit Philosophie stoppen. «Was denkst du über das Verkehrskonzept, lieber Siegelturmtschilper», flötet er bei der Landung auf meinem Nestrand hoch oben am Diessenhofer Wahrzeichen. Fast hätte ich mich zu einer wortgewaltigen Rede über die Vortrittsregelung in der Hauptstrasse hinreissen lassen. Stattdessen atme ich tief durch und murmle: «Panta Rhei.» «Wie bitte? Ist das der Name eines Leserbriefschreibers, der im Städtchen eine Begegnungszone fordert?» «Panta Rhei. Alles fliesst. Ein Aphorismus zur Kennzeichnung der heraklitischen Lehre. Wer in denselben Fluss steigt, dem fliesst anderes und wieder anderes Wasser zu.» «Hör auf! Mit den alten Griechen kannst du keine Staus bekämpfen», lästert mein Cousin. «Dieses Wissen, lieber Turmspatz, ist aktueller denn je. Stell dir den Autofluss vor. Du bewegst dich wiederholt darin, aber es ist trotzdem nie der gleiche Fluss, es ist nie die gleiche Wagenschlange.» «Was hat das mit dem abgelehnten Verkehrskonzept zu tun?» «Die Haltung des Stadtrates ist reine griechische Philosophie. Der Verkehr im Städtchen verändert sich andauernd wie ein Fluss, immer zieht neues Wasser vorbei, immer rauscht neuer Verkehr durch die Gassen, da macht man im Moment am besten nichts.» «Philosophie ist genial», sagt mein Cousin, und ich bin stolz, dass ich heute das Thema meiner Kolumne selber gesetzt habe.