«Es fehlt an Frauensolidarität»

Nach neun Jahren als Präsidentin der St. Galler Frauenzentrale tritt Susanne Vincenz-Stauffacher heute zurück. So schreiben es die Statuten vor. Die 47-Jährige über Rabenmütter, vergebenes Potenzial und die Zukunft der Frauen.

Nina Rudnicki
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Susanne Vincenz-Stauffacher in ihrer St. Galler Kanzlei, wo neu die Ombudsstelle Alter und Behinderung ist. (Bild: Mareycke Frehner)

Susanne Vincenz-Stauffacher in ihrer St. Galler Kanzlei, wo neu die Ombudsstelle Alter und Behinderung ist. (Bild: Mareycke Frehner)

Frau Vincenz-Stauffacher, Sie bezeichnen ehrenamtlich tätig zu sein als Ihr Hobby. Wie kommt es dazu?

Susanne Vincenz-Stauffacher: So bin ich durch mein Elternhaus in Abtwil geprägt. Meine Mutter und mein Vater haben immer etwas Unentgeltliches gemacht. Ob nun in der Politik oder in einer Kommission.

Sie haben zwei Töchter, eine eigene Anwaltskanzlei und sind in Ihrer Freizeit Präsidentin der Frauenzentrale. Das klingt eher nach Ehrgeiz denn nach Hobby.

Vincenz-Stauffacher: Das stimmt. Die Leitung der Frauenzentrale ist natürlich weit mehr als ein Hobby und auch ein Ausgleich. Als Anwältin bin ich Alleinkämpferin. Als Präsidentin bei der Frauenzentrale arbeitete ich hingegen im Team. Man kann aber betonen, dass ich gerne leite und führe.

Der Verein setzt sich für Chancengleichheit ein. Sie selbst haben es diesbezüglich ziemlich gut getroffen. Was verbindet Sie überhaupt mit der Frauenzentrale?

Vincenz-Stauffacher: Ich habe mich in der Tat nie benachteiligt gefühlt. Ich bin privilegiert aufgewachsen und konnte studieren, was ich wollte. Feministische Anliegen waren mir fremd. Bis ich mit 28 Jahren Mutter wurde. Ich bekam schlagartig zu spüren, dass ich nicht mehr dieselben Chancen im Beruf hatte wie mein Mann.

Wie zeigte sich das?

Vincenz-Stauffacher: In der Primarschule gab es noch keine Blockzeiten und auch kaum Kinderhorte. Mein Glück war, dass ich schon damals selbständig war, meine Zeit selber einteilen konnte und meine Mutter auf meine beiden Töchter aufpasste.

Zu dieser Zeit waren Sie Präsidentin des Sonderschulheims in Abtwil, danach Präsidentin des Spitexvereins Gaiserwald und Vorstandsmitglied in der FDP-Ortspartei. Haben Sie sich nie wie eine Rabenmutter gefühlt?

Vincenz-Stauffacher: Doch, natürlich. Etwa wenn ich eine Versammlung leitete, während meine Tochter mit Fieber im Bett lag. Dann hatte ich ein schlechtes Gewissen. Selbst wenn ich nur zwei Stunden weg war und sie natürlich betreut wurde. Es gab auch Frauen, die mich für mein Engagement verurteilt haben.

Vielleicht waren diese Frauen neidisch?

Vincenz-Stauffacher: Ich denke eher, es handelt sich um fehlende Frauensolidarität. Das ist unser grösster Schwachpunkt. Ein Beispiel dafür ist, als ich 2011 während meiner Kandidatur für den Nationalrat an einer Standaktion mitmachte. Eine fremde Frau trat an den Stand, schaute sich meine Broschüre an und fragte, ob das auf dem Foto meine Kinder seien. Als ich Ja sagte, lief sie mit den Worten davon: «Dann schämen Sie sich, dass Sie hier stehen.»

Mit fehlender Frauensolidarität meinen Sie, dass wir uns kaum gegenseitig unterstützen. Sondern die eigenen Wertvorstellungen über jene der anderen Frau stellen?

Vincenz-Stauffacher: Genau. Dabei schaden wir damit nur uns selber. Hinzu kommt, dass wir Frauen schlechter vernetzt sind als Männer. Gerade in der Politik und im Beruf. Männer sind diesbezüglich bewusst zielorientiert.

Sie sagten einmal, das Ziel der Frauenzentrale sei erst erreicht, wenn in Politik, Beruf und Familie Gleichstellung herrsche. Wie realistisch ist das?

Vincenz-Stauffacher: Grundsätzlich sehr realistisch. Alleine bei der Ausbildung der Mädchen haben wir in den vergangenen hundert Jahren riesige Schritte gemacht. Das Wahlrecht der Frauen war ein Meilenstein. Bei der Lohngleichheit gibt es allerdings noch viel zu tun. Frauen verdienen noch immer im Schnitt 18 Prozent weniger als Männer. Und in der Politik sind nur knapp ein Drittel Frauen. Diese Differenzen sind zu gross.

Ist das den jungen Frauen heutzutage überhaupt bewusst?

Vincenz-Stauffacher: Die meisten jüngeren Frauen interessieren sich wenig für unsere Arbeit in der Frauenzentrale. Vieles ist für sie selbstverständlich. Die Frauen, die sich angesprochen fühlen, sind zwischen 30 und 50 Jahre alt und müssen den Spagat zwischen Familie und Beruf schaffen. Da ging es mir ja nicht anders.

Die Frauenzentrale hat sich während Ihrer Amtszeit stark gewandet: Aus einem Miliz- wurde ein Profisystem. Wieso war das nötig?

Vincenz-Stauffacher: Mittlerweile haben wir rund 25 Mitarbeiterinnen. Immer mehr Frauen und auch Männer suchen unsere Beratungsstellen auf. Da war es wichtig, alles zu professionalisieren. Wir haben beschlossen, die Führung in zwei Ebenen aufzuteilen. In die strategische, auf der der Vorstand ehrenamtlich tätig ist, und in die operative Ebene mit zwei festangestellten Bereichsleiterinnen. Wir sind ein Unternehmen mit moderner Geschäftsleitung geworden.

Nicht alles lief gut. Sie ernteten Kritik, als Sie sich zu Abstimmungen äusserten. Und infolge der Sparmassnahmen wollte der Kanton die Beiträge für die Frauenzentrale kürzen.

Vincenz-Stauffacher: Als bekannt wurde, dass wir mit 400 000 Franken für eine unserer Beratungsstellen nur noch die Hälfte des bisherigen Staatsbeitrages erhalten sollten, haben wir nächtelang gearbeitet. Wir zeigten auf, dass die Regionalstellen geschlossen werden müssten. Am Ende haben uns Mitglieder des Kantonsparlaments, Personen aus der Wirtschaft sowie Ärztinnen und Ärzte unterstützt. Letztere schätzen unserer Arbeit wegen der Beratung in Fragen der Familienplanung. Die Kürzungen betrugen dann nur 100 000 Franken.

Und während des Abstimmungskampfes um die Familien-Initiative sowie bei der Abtreibungs-Initiative wurden Sie angefeindet.

Vincenz-Stauffacher: Ich bekam viele E-Mails. Auch von Müttern, die wütend waren, dass wir uns gegen die Familien-Initiative aussprachen. Es hiess, für einen politisch neutralen Verein gehöre sich das nicht. Aber das stimmt nicht. Wir sind lediglich parteipolitisch neutral. Eines unserer Ziele ist es, uns in Zukunft vermehrt politisch zu äussern.

Und Sie selbst, welches sind Ihre politischen Ambitionen? Zuletzt hiess es, Sie würden als Nachfolgerin für Stadtrat Fredy Brunner kandidieren.

Vincenz-Stauffacher: Das habe ich auch gelesen. Aber nein, eine politische Karriere habe ich nicht geplant. Ich will mich jetzt auf meine Kanzlei und mein neues Mandat als Ombudsfrau Alter und Behinderung konzentrieren. Das ist zwar nicht ehrenamtlich – aber sagen Sie jetzt nicht, dann fehle mir das Hobby. Ich lese auch gerne ein Buch, wenn ich Zeit haben. Wie jetzt etwa den Roman «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» von Joel Dicker.

Liana Ruckstuhl: Frauen bewegen. Appenzeller Verlag 2014, 192 S., Fr. 38.–

Liana Ruckstuhl: Frauen bewegen. Appenzeller Verlag 2014, 192 S., Fr. 38.–

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