Erwartungen offenlegen

Die Eltern arbeiten Vollzeit, die Erziehung geschieht in Tagesschulen. Was in Portugal die Regel ist, gilt hierzulande nicht. An Anlässen für portugiesische Eltern wollen Stadt, Schule und Kanton Missverständnisse ausräumen.

Stefan Hilzinger
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Am Informationsabend im Langdorf liegen Broschüren aus. Sie informieren die Eltern über das Angebot für Kinder und Eltern in der Stadt. (Bild: Stefan Hilzinger)

Am Informationsabend im Langdorf liegen Broschüren aus. Sie informieren die Eltern über das Angebot für Kinder und Eltern in der Stadt. (Bild: Stefan Hilzinger)

FRAUENFELD. Spärlich nur bevölkert sich Zimmer E1/02 im Neubau des Schulhauses Langdorf. Nur knapp zehn Personen haben sich dort vor kurzem zum ersten Informationsabend für portugiesische Eltern eingefunden. «Es waren klar zu wenige», räumt Ulla Bachmann ein. Sie ist Leiterin der Fachstelle Frühförderung und Kinderbetreuung der Stadt Frauenfeld. «Doch wir arbeiten dran, dass es am nächsten Infoabend mehr sein werden.»

Im Dezember hatten die Stadt und die Schulgemeinde Frauenfeld in Zusammenarbeit mit dem Kanton alle Eltern mit portugiesischer Herkunft angeschrieben. Im Januar, Februar und März bieten Stadt und Schule Informationsabende an zu den Themen Einschulung und Schulsystem. Im gleichen Zeitraum lädt das Thurgauer Amt für Berufsbildung und Berufsberatung portugiesische Eltern von Kindern in der Oberstufe zu Infoabenden zum Thema Berufsbildung ein.

Grosse Portugiesen-Gemeinde

Mit einem Anteil von je rund 21 Prozent oder gut 1100 Personen an allen Ausländern in der Stadt stellen Italiener und Portugiesen die mit Abstand grössten Gruppen. «Nach dem Aus der portugiesischen Kinderkrippe und des Portugiesen-Vereins 2011 verschlechterte sich unser Kontakt zur portugiesischen Gemeinschaft», sagt Bachmann. Es habe sich nun gezeigt, dass ein Informationsdefizit bestehe, was das Schweizer Bildungssystem angehe.

Die Rolle der Eltern klären

In Portugal sei es üblich, dass beide Elternteile zu hundert Prozent arbeiteten und die Kinder schon früh in Tagesstrukturen fremdbetreut und auch erzogen würden. In der Schweiz ist die Erziehung von Geburt weg dagegen primär Aufgabe der Eltern. «Wir organisieren diese Infoabende, um Missverständnisse zu klären und gegenseitige Erwartungen offenzulegen», sagt Bachmann. Es handle sich um ein Pilotprojekt, das bei Bedarf auch Ausländern anderer Herkunft angeboten werde.

Aufschlussreiche Diskussion

Das spärliche Echo auf den ersten Anlass hat Bachmann nicht entmutigt. «Es waren zwar nur wenige Eltern zugegen, doch die Diskussion nach dem Vortrag zeigte uns, wie gross das Bedürfnis eigentlich ist», sagt die Fachstellenleiterin. Der Vortrag ist auf Portugiesisch, die Powerpoint-Präsentation dazu auf Deutsch. Schlagworte finden sich darauf, etwa «Der Fernseher ist keine Bezugsperson», «Geschichten erzählen» oder «Miteinander essen». Themenkreise, die alle Eltern gleichermassen angehen, unabhängig von der Herkunft.

Im Hinblick auf den zweiten Abend am 24. Februar (19.30 Uhr, HPZ Oberwiesen) sollen nun die Anstrengungen verstärkt werden, Eltern zu mobilisieren. Wie schon für den ersten Abend zählt Bachmann auch diesmal auf die Unterstützung durch die Portugiesen. «Ohne Freiwillige erreichen wir die Zielgruppe kaum. Sie sind Ansprechpartner, die ihre Landsleute anrufen und sie auf das Angebot aufmerksam machen», sagt Bachmann. Es brauche wohl seine Zeit, bis sich das Angebot wirklich herumgesprochen habe.

Das sagt auch Sofia Trino, Sekretärin des Portugiesischen Elternvereins Frauenfeld. «Das Angebot ist richtig und wichtig. Doch diese Meinungen teilen halt nicht alle Landsleute. Ich hoffe aber doch, dass beim nächsten Anlass mehr Interesse gezeigt wird», sagt Trino.

Ulla Bachmann Leiterin Fachstelle Frühförderung und Kinderbetreuung (Bild: Nana do Carmo)

Ulla Bachmann Leiterin Fachstelle Frühförderung und Kinderbetreuung (Bild: Nana do Carmo)