Ermatingen: «Ohne Rücksicht bauen»

Etliche Anwohner stören sich an der grossen geplanten Überbauung Usserdorf in Ermatingen. Nun meldet sich ein Einsprecher zu Wort: «Da wird der Umgebung keine Rechnung getragen.»

Gudrun Enders
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Blick auf Bauland: Willy Graf steht auf seinem Balkon. Im Hintergrund zeigen Visiere an, wie hoch und nah an bestehende Häuser gebaut wird. (Bild: Gudrun Enders)

Blick auf Bauland: Willy Graf steht auf seinem Balkon. Im Hintergrund zeigen Visiere an, wie hoch und nah an bestehende Häuser gebaut wird. (Bild: Gudrun Enders)

ERMATINGEN. An der Hauptstrasse von Ermatingen findet sich das Wohnmuseum im Haus Phönix samt Vinorama. Gegenüber steht Haus Seefeld, ein stattliches Gebäude, von der Denkmalpflege als erhaltenswert eingestuft. Es gab einem Quartier, das vor etwa 20 Jahren entstand, seinen Namen. Willy Graf wohnt dort, und er stört sich an der in unmittelbarer Nachbarschaft geplanten Überbauung Usserdorf (die TZ berichtete). Knapp 20 Einsprachen gingen gegen das Projekt ein. Eine davon hat Graf zusammen mit weiteren Stockwerkeigentümern eingereicht.

Gegen die eigenen Grundsätze?

Willy Graf bezieht sich auf Grundsätze im Ermatinger Baureglement: «Bauten und Anlagen haben sich in jeder Beziehung gut ins Orts- und Landschaftsbild einzufügen. Auf die Umgebung ist Rücksicht zu nehmen.» Willy Graf wohnt in der Dorfkernzone, in der auch ein Teil der neuen Überbauung verwirklicht werden soll. Hier gilt laut Baureglement: «Die prägenden Merkmale der Bauten und ihrer Umgebung sind zu erhalten und bei Neu- und Umbauten zu berücksichtigen.»

Für Willy Graf ist der Fall klar: «Bei dem geplanten Projekt wird der Umgebung überhaupt keine Rechnung getragen.» Das Bauland werde maximal und ohne Rücksicht ausgenutzt. Zu seinem Quartier gehören neben dem historischen Seefeld drei Mehrfamilienhäuser, die grosszügig verteilt gebaut wurden. Das Land dafür verkaufte einst Heinz Goldinger von der Möbelfabrik. Das Bauland für das neu geplante Projekt Usserdorf gehört laut Thurgauer Geo-Infosystem ThurGIS Nachfahrin Bettina Braun-Goldinger.

30 Meter langer Neubau

Am meisten stösst sich Willy Graf am 30 Meter langen Beton-neubau unterhalb der denkmalgeschützten Fischerhäuser. Der lange Riegelbau reicht bis etwa fünf Meter an ein bestehendes Mehrfamilienhaus des Quartiers Seefeld heran. Für Graf ein Unding: «Dieser Riegel muss gekürzt werden.» Auch der Ur-Ermatinger Paul Herzog, der damals das Land von Goldinger erwarb, um das Quartier Seefeld zu bauen, erinnert sich: «Wir durften kein so markantes Gebäude errichten.»

Tatsächlich sind bis zu 30 Meter lange Bauten in der Dorfkernzone erlaubt. Eine Tatsache, an der die Arbeitsgruppe für Baugesuche, präsidiert von Gemeindeammann Martin Stuber, nicht vorbei- kommt. «Ausserdem ist verdichtetes Bauen das Gebot der Stunde», sagt Stuber. Er zeigt Verständnis für die Einsprecher. Aber: «Nach unserer Prüfung werden alle Baubestimmungen eingehalten.» Eine fehlende Einpassung müsse gut begründet werden.

Wenn Ziegel fehlen

Dass beim geplanten Bauprojekt auch die alten Fischerhäuser saniert werden, findet Einsprecher Graf gut. Allerdings macht er sich Sorgen um die Bausubstanz. Schon vor acht Jahren rief er die Besitzerin an, weil Dachziegel fehlten: «Nichts ist passiert.»

Dass geschützte Altbauten in Ermatingen abgebrochen werden müssten, sei seltener Einzelfall, sagt Gemeindeammann Stuber. Die Arbeitsgruppe für Baugesuche lege sehr grossen Wert auf den Erhalt der Fischerhäuser.