ERMATINGEN: Keine Thurgauerin im Gefängnis

Annette Keller ist Thurgauerin und Direktorin des Frauengefängnisses Hindelbank bei Bern. Sie beleuchtete beim Verein Thurgauer Frauenarchiv das Leben von «Frauen hinter Gittern».

Margrith Pfister-Kübler
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Referentin Annette Keller, Direktorin der einzigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in der deutschen Schweiz. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Referentin Annette Keller, Direktorin der einzigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in der deutschen Schweiz. (Bild: Margrith Pfister-Kübler)

Margrith Pfister-Kübler

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Regula Gonzenbach, Präsidentin des Vereins Thurgauer Frauenarchiv, strahlte bei der Begrüssung zur Herbstveranstaltung des Vereins im «Adler» Ermatingen. Selbst die Stehplätze waren besetzt. Die Bedeutung des Frauenarchivs, das Aufzeigen von Biografien, die verschiedenen Grade von Wahrheiten, erwies sich einmal mehr als wichtig. Denn, so sagte Gonzenbach: «Aussenstehende wissen immer haargenau, was Sache ist. Schwarz-weiss geht nicht.»

Referentin Annette Keller erweiterte den Horizont der Anwesenden unter dem Gesichtspunkt «Frauen hinter Gittern». Seit dem Jahr 2011 ist Keller Leiterin von Hindelbank, der einzigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in der deutschen Schweiz. Ihre Biografie wurde als ausserordentlich eingestuft und im Thurgauer Frauenarchiv durch Autorin Kathrin Zellweger als Porträt aufgeschrieben. Gemeindepräsident Martin Stuber erhellte den Besucherinnen und einigen wenigen Männern zuerst die Besonderheiten vom «schönsten Dorf» und schlug die Brücke zur Referentin: «Annette Keller ist ein Kind von Ermatingen. Sie weiss, wo es schön ist.» Nach der Ausbildung zur Lehrerin und einer Landwirtschaftslehre studierte Keller Theologie, wurde Pfarrerin und setzte mit dem Master im Sozial- und Gesundheitsbereich noch ­einen drauf.

Die Spannweite bei den Delikten ist gross

Eine Herkulesaufgabe nannte die Direktorin die Aufgabe der Resozialisierung der Täter respektive Täterinnen und der Schutz der Gesellschaft vor diesen. Aufhorchen liess, dass nur fünf Prozent aller Insassen einer Justizstrafvollzugsanstalt Frauen sind, allerdings seien sie nicht harmlos. 95 Prozent sind Männer. Ob dies biologisch bedingt ist oder von der Erziehung abhängt, liess Keller offen. Mit der These, «dass Frauen schlauer sind», löste sie Heiterkeit aus. 107 Plätze gibt es in Hindelbank – vom Hochsicherheitstrakt bis zum Arbeitsexternat – und rund 100 Mitarbeiter. «Und wenn alle so brav sind wie die Leute im Thurgau, reicht die Platzzahl noch lange. Derzeit ist keine einzige eingewiesene Frau aus dem Thurgau in unserer Justizvollzugsanstalt für Frauen», so Keller. Aus dem Kanton Schaffhausen sind es derzeit zwei.

Die Skala der Delikte der Eingewiesenen erklärt die Spannweite: Am 1. Januar 2017 waren 28 Frauen wegen Tötungsdelikten eingewiesen, vier wegen Körperverletzung, vier wegen Menschenhandel, drei wegen Brandstiftung, vier wegen Raub, 22 wegen Betrug und Diebstahl, 37 wegen Drogendelikten und sieben wegen weiterer Delikte. Auffallend sei das schlechte Selbstwertgefühl der Eingewiesenen. «Betrügerinnen sind die Schwierigsten im Vollzug, sie sind äusserst gewieft», erklärte Keller. Die Tagesstruktur – es besteht Arbeitspflicht – beginnt um 7 Uhr morgens, und um 21 Uhr werden die Frauen in ihre Einzelzellen eingeschlossen. Deliktaufarbeitung, Bildung, Freizeit, Aussenkontakte; diese Themen wurden in der Fragerunde breit diskutiert. Rückfallquote nach der Entlassung? Bei den Frauen werden 18,5 Prozent, bei den Männern 26 Prozent rückfällig.