«Erhärtet sich Radikalismus, ist es nicht mehr Thema der Schulen»

Nachgefragt bei Schulpräsident Andreas Wirth

Samuel Koch
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«Als Frühwarnsystem, das oftmals selbst imstande ist, Probleme zu lösen» bezeichnet Christa Thorner, Stadträtin und Departementsvorsteherin für Soziales und Gesellschaft, die Schulen Frauenfeld. Gerade dann, wenn es zu Problemfällen von muslimischen Eltern und deren Kindern kommt. Schulpräsident Andreas Wirth kennt solche Fälle, und er weiss, welche Massnahmen die Schulbehörden dann treffen.

Andreas Wirth, häufen sich klärende Elterngespräche?

Nein, die Anzahl solcher Gespräche ist relativ klein.

Es gibt also keine Zunahme auffälliger Schüler, gerade mit muslimischem Hintergrund?

Nein. Es sind Einzelfälle.

Aber es gibt sie.

Ja, vor rund einem Jahr hat ein Oberstufenschüler im Umgang mit seinen Mitschülern eine Haltung vertreten, die Tendenzen zu radikalem Gedankengut vermuten liessen. In diesem Frühling gab es einen ähnlichen Fall mit mehreren Schülern an der Primarschule. Ich gehe davon aus, dass durch Medien, Soziale Netzwerke oder das Internet Kinder und Jugendliche bereits in jungen Jahren für extreme Ideologien manipuliert werden und weniger durch ihr direktes Familienumfeld. Wie das funktioniert, habe ich vor einiger Zeit auch durch den Chef des Schweizer Nachrichtendienstes, Markus Seiler, an einem Referat erfahren.

Wie hat die Schulbehörde bei den zwei erwähnten Vorkommnissen reagiert?

Wir sprechen Eltern von scheinbar gefährdeten Schülern in derartigen, auch niederschwelligen Fällen sofort an. Lehrpersonen wie auch die Schulleitungen sind diesbezüglich wach und handeln, wenn sich solche Fälle abzeichnen.

Hilft das?

Ja. Gerade dann, wenn die Eltern über die gemachten Feststellungen selber überrascht sind. Durch das Ansprechen wird das Thema in der Familie und in der Schule öffentlich. Ab diesem Zeitpunkt sind die Kinder und Jugendlichen sowohl zu Hause als auch in der Schule im Fokus. Das gemeinsame Hinschauen ist für alle Beteiligten hilfreich und nützlich. Bei den uns bekannten Fällen hat sich so die Situation verbessert.

Was unternehmen die Schulen, wenn sie das Problem selbst nicht lösen können?

Mit der Stadt pflegen wir einen guten informellen Austausch zu verschiedensten Themen. Die Wege sind kurz. Wichtig ist auch hier, problematische Tendenzen umgehend anzusprechen und anzupacken, sofern sie sich er­härten.

Gibt es weitere Massnahmen?

Klar. Wenn aber wirklich radikales Gedankengut da wäre, ist es nicht mehr Aufgabe der Schule, dem nachzugehen. Dann würden wir die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde oder die Polizei einschalten. Für das Thema Radikalisierung gibt es Stellen, welche kompetenter sind als wir.

Sollen Probleme angesprochen werden, erfordert das deutsche Sprachkenntnisse aller Beteiligten.

Selbstverständlich. Für die Integration ist das Erlernen der deutschen Sprache der Schlüssel. Dazu leisten die Schulen einen ungeheuren Beitrag. Gerade darum ist es wichtig, dass hohe Standards in Deutsch erreicht werden. Der Grosse Rat hat diese Schwelle zuletzt erfreulicherweise erhöht. Wir erheben in Frauenfeld seit rund drei Jahren Zahlen von Kindern, die zusätzlich Deutsch benötigten. 2014 waren von 330 Primar- und Kindergartenschülern, die dem Unterricht mangels genügender Deutschkenntnisse kaum folgen konnten, rund 140 Schweizer Kinder von eingebürgerten Eltern. Mittlerweile ist diese Zahl gesunken, sie ist aber meines Erachtens immer noch zu hoch.

Trotzdem gibt es immer wieder muslimische Eltern, die ihre Kinder nicht in den Schwimmunterricht lassen.

Auch beim Schwimmunterricht verfolgen wir eine absolut konsequente Haltung. Schwimmen gehört zur Grundausbildung jedes Frauenfelder Primarschülers, dafür werden auch Steuergelder eingesetzt. Da hat jedes Kind – ohne Ausnahme – mitzumachen. Ebenso haben alle Schülerinnen und Schüler an Lagern oder Klassenverlegungen teilzunehmen. Aufgrund der konsequenten Haltung gibt es auch keine Anfragen um Dispensation mehr, die bis zur Schulbehörde gelangen.

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch