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Erfüllend, aber anstrengend

ROMANSHORN. Eine Nacht lang an einem Sterbebett sitzen. Die Angehörigen entlasten. Das sieht Bettina Scott als soziale Verant-wortung. Und nicht als Mission.
Brigitta Hochuli
«Sterben ist nicht immer ein friedliches Wegschwinden»: Bettina Scott zu Hause in Romanshorn. (Bild: Michel Canonica)

«Sterben ist nicht immer ein friedliches Wegschwinden»: Bettina Scott zu Hause in Romanshorn. (Bild: Michel Canonica)

An seiner ersten Generalversammlung im Juni hatte der noch junge Verein Hospizdienst Thurgau grossen Zulauf. Das zeige, wie gross das Bedürfnis nach Alternativen zur Sterbehilfe sei, sagt Brighit Stahel, die zusammen mit Silvia Schweizer den Einsatz der zurzeit 24 freiwilligen Sterbebegleiterinnen und Sterbebegleiter koordiniert.

Eine von ihnen ist Bettina Scott-Bänziger aus Romanshorn. Die 68jährige Cellistin und Musiklehrerin ist in Zürich aufgewachsen und hat ihren Mann, einen Engländer und Flötisten, in einem Orchester in Südafrika kennengelernt. Zusammen mit Gleichgesinnten wohnt sie in einer von ihrer Mutter geerbten Fabrikantenvilla direkt am See. Ihre Wohngemeinschaft oder Alters-WG hat schon schweizweit als Zukunftsmodell Schlagzeilen gemacht. Doch die Zukunft im Alter bedeutet auch Sterben, und die Beschäftigung damit bedarf der leisen Töne.

Ohne Spitex unmöglich

Bettina Scott hat ihre Mutter und ihren Mann zu Hause beim Sterben begleitet. «Da ging mir auf, wie vielbräuchig dieser Weg ist», sagt Bettina Scott. «Es gibt Menschen, die dabei zusammenbrechen.» Ohne ihre Familie und die Spitex, der sie uneingeschränkt ein Kränzlein winde, hätte aber auch sie es nicht geschafft. Denn Sterben sei nicht immer ein friedliches Wegschwinden. Ihre Mutter habe Tage vor ihrem Tod nichts mehr essen und trinken können. Ihr Mann sei vor allem nachts sehr unruhig gewesen. Das war vor sechs Jahren. Und es sei anstrengend gewesen. «Die Begleitung war aber auch erfüllend», sagt Bettina Scott. «Wann erlebt man das schon, dass einem so viel Hilfe zuteil wird?»

«Mein Einstieg»

Obwohl sie eine Skeptikerin sei, zahle sie immer noch Kirchensteuer, erzählt Bettina Scott. Deshalb sah sie im «Kirchenboten» einen Aufruf an freiwillige Sterbebegleiter. «Mein Einstieg», schrieb sie an den Rand des Artikels. Alles Wissenswerte zum Sterben bewahrt sie in einem Ordner auf. Auch die Unterlagen zu den Kursen, die sie besucht. Da geht es um Themen wie Abgrenzung, Verletzungen, fehlende Worte, die Bedeutung von Sterben und Tod im Buddhismus oder um «abschiedlich leben».

Heute wird Bettina Scott durchschnittlich alle zwei Monate zu einem Sterbenden gerufen. «Gott sei Dank! Denn so etwas verkraftet man nicht nonstop.» Es lasse einen nicht unberührt. Kürzlich war sie eine halbe Nacht bei einer alten Frau. «Sie war schon weit weg und ich sah, wie die Tochter litt.» Da sei sie dann die Person, die als Begleiterin das Wissen und die Erfahrung habe und sagen könne: «Schau, das ist der Weg.»

Bettina Scott fühlt sich nicht zur Sterbebegleitung berufen. Missionieren liege ihr fern. Sie mache das aus einem Sozialgefühl heraus und aus Dankbarkeit. Sie ist überzeugt, dass die heutige Gesellschaft mehr und mehr nur noch durch Freiwilligenarbeit funktioniert.

Ausserdem wolle auch sie persönlich dereinst nicht im Pflegeheim von einem Roboter herumgeschubst werden. «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu», zitiert sie die goldene Regel. Nächstenliebe ist Bettina Scott ganz im christlichen Sinn der Antrieb für ihr Tun. So versteht sie auch ihre Aufgabe an den Sterbebetten.

Bis zur Überforderung

Freiwillige Sterbebegleiter leisten keine Pflege. Dem Sterbenden den Mund auszuwaschen oder ihn umzulagern, lernen sie aber in Kursen. Wenn es gewünscht wird, sprechen sie mit den Angehörigen, hören vor allem auch zu.

Oft würden sie sehr spät gerufen, sagt Bettina Scott. Meistens werde versucht, ein Netz aufrechtzuerhalten, bis es nicht mehr gehe, bis die Überforderung zu gross sei. Das könne erst in der letzten Nacht passieren. «Die Schwelle, jemanden Fremden zuzulassen, ist hoch.»

Etwas Kreatürliches

Bettina Scott hat keine Angst vor dem eigenen Weg zum Tod, «wenn ich in liebevollen Händen bin». Sie habe zwar eine Patientenverfügung. Aber auch wenn sie Krebs hätte oder dement würde, niemals würde sie einer Sterbehilfeorganisation beitreten. «Sterben ist etwas Kreatürliches. So will ich sterben, wie ich ins Leben gekommen bin.»

www.hospizdienst-thurgau.ch

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