Er will nicht weinen, obwohl er ein Kind war

Wenn er Blasen an den Füssen hat, wechselt er aufs Velo. Gestern ist Clément Wieilly zu Fuss in Frauenfeld angekommen. Dieser Fussmarsch ist nichts. Er hat seine eigene Kindheit überlebt. Wieilly war Verdingkind. Mit drei Monaten fand man ihn, ausgesetzt in einem Kuhstall.

Mathias Frei
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Clément Wieilly mit seiner Spendenbox, umrahmt von Vizestadtpräsidentin Christa Thorner und Stadtpräsident Anders Stokholm. (Bild: Mathias Frei)

Clément Wieilly mit seiner Spendenbox, umrahmt von Vizestadtpräsidentin Christa Thorner und Stadtpräsident Anders Stokholm. (Bild: Mathias Frei)

Wenn er Blasen an den Füssen hat, wechselt er aufs Velo. Gestern ist Clément Wieilly zu Fuss in Frauenfeld angekommen. Dieser Fussmarsch ist nichts. Er hat seine eigene Kindheit überlebt. Wieilly war Verdingkind. Mit drei Monaten fand man ihn, ausgesetzt in einem Kuhstall. Heute ist er 60 Jahre alt und ist auf «Tour de Suisse pour la dignité» – für die Würde der 300 000 Betroffenen in der Schweiz, von denen heute noch 20 000 leben.

Eines von vielen Verdingkindern

Bis in die 1970er-Jahre waren Menschen in der Schweiz von «fürsorgerischen» Zwangsmassnahmen betroffen. Kinder aus «sozial auffälligen» Familien wurden fremdplaziert. Wieilly ist eines dieser Verdingkinder. «Aber ich will nicht weinen», sagt er auf Französisch.

Am 15. April ist Wieilly in Bern gestartet. Romandie, Tessin und Bündnerland hat er hinter sich gebracht. Noch sind aber 1200 der 1800 Kilometer zu machen. Gestern morgen ist er in Wil gestartet. Nach dem Empfang im Frauenfelder Rathaus durch Stadtpräsident Anders Stokholm sowie Christa Thorner, Vizestadtpräsidentin und Vorsteherin des Departements für Gesellschaft und Soziales, fährt Wieilly nach Hause, nach Ponthaux bei Fribourg. Das Geld für die Hotelübernachtungen fehlt. Heute in der Frühe fährt er wieder nach Frauenfeld, marschiert von hier nach Schaffhausen. Der Hockeyclub Fribourg-Gottéron unterstützt ihn unter anderem mit einem Bus. Am 23. Juni ist seine Tour zu Ende. An jenem Tag hat er einen Gesprächstermin mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Wieilly gehört dem runden Tisch an, den die Bundesrätin zu dieser Thematik einberufen hat.

Zwei unbekannte Schwestern

Vor anderthalb Jahren hat der energisch wirkende Mann im Gottéron-Trainingsanzug und mit den Walkingstöcken erfahren, dass er eine sieben Jahre ältere Schwester hat – und dass seine andere Schwester mit fünf Monaten an Unterernährung gestorben ist.

Wieilly kam in ein Kinderheim. Es gab kaum Kleider und Essen, dafür aber Schläge. Mit acht Jahren wurde er erstmals zu Bauern geschickt, als billige Arbeitskraft. Mit 20 stellte man bei ihm Arthrose fest, weil er als Kind ständig frieren musste. Seine Knie waren kaputtgeschlagen. Er konnte zwar eine Spengler-Lehre abschliessen, liess sich danach aber zum Sportlehrer ausbilden. «Es ist schwierig, über die eigene Geschichte zu sprechen, denn es kommen Emotionen hoch», sagt er. Aber Wieilly will aufwecken für diese vielen Geschichten. Und das gelingt ihm.

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