Er schoss Gold-Kariem zum EM-Titel

«Auf die Plätze. Fertig», sagt der Frauenfelder Peter Allenspach, ehe er den Abzug seines Revolver drückt. Der 53jährige Physiker startet seit fast 30 Jahren ehrenamtlich Leichtathletik-Rennen. Auch bei Weltklasse Zürich.

Samuel Koch
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Peter Allenspach konzentriert sich kurz vor jedem Rennen auf das Kommando und den Startschuss. (Bild: Reto Martin)

Peter Allenspach konzentriert sich kurz vor jedem Rennen auf das Kommando und den Startschuss. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. In komplett weisser Kleidung betritt der integer wirkende Mann die Sportanlage Kleine Allmend Frauenfeld. Mit einem Revolver, Platzpatronen, einem Mikrophon und Kopfhörern macht er sich auf den Weg zu den Startpflöcken. Seine Kommandos lauten: «Auf die Plätze. Fertig.», oder bei internationalen Wettkämpfen: «On your marks. Get set.» Kurz darauf folgt ein ohrenbetäubender Knall, der durch Mark und Bein geht.

Was beim Leichtathletikclub (LC) Frauenfeld als Sprinter im Teenageralter begann, führte Allenspach als Funktionär an die Leichtathletik-EM 2014 oder seit 2002 ans Weltklasse-Meeting Zürich. «Als ehemaliger Sprinter lag der Entscheid nahe, als Starter die Disziplinen bis 400 Meter zu schiessen», sagt er mit Empathie für die Athleten. Allenspach ist einer, der nicht gerne im Zentrum steht. Einer, der sich ohne langes Zögern als analysierend und zurückhaltend beschreibt. Einer, der mehr gibt als nimmt.

Derselbe Puls wie die Sportler

Allenspach gibt zu, dass bei den prestigeträchtigen Rennen deutlich mehr Druck auf seinen Schultern laste. «Beim Weltklasse-Meeting kribbelt es schon.» In den Momenten vor dem 100-Meter-Sprint, wenn die Athleten wie Raubtiere auf die Fütterung warten, wenn die Zuschauer gespannt dasitzen und alle Ohren den Startschuss erwarten, dann schiesse sein Puls in die Sphären der Sportler. «Dieses Adrenalin braucht es, um keinen Fehler zu machen», meint er. An der letztjährigen EM im Letzigrund zündete er das Rennen zum Goldlauf des Tägerwilers Kariem Hussein. Zu den Athleten möchte Allenspach aber keinen engeren Kontakt. «Wir sagen uns Hallo, und das reicht.» Er brauche Distanz, um objektiv zu bleiben.

Allenspach wuchs an der Neuhauserstrasse in Frauenfeld auf. Dort wo seine Eltern noch heute wohnen. Als knapp 20-Jähriger trat der damalige Kantischüler in den LC Frauenfeld ein. Trotz Erfolgen über 100 und 200 Meter bei regionalen Wettkämpfen hängte er seine Schuhe bald wieder an den Nagel. Schon früh war klar, dass Allenspach eine naturwissenschaftliche Ausbildung machen will. Als Kind hatte er ein Faible fürs Basteln oder schaute sich mit einem Fernrohr die Sterne am Himmel an.

Sein Weg führte ihn in die Welt der Physik. Heute arbeitet er am Paul-Scherrer-Institut, dem grössten Schweizer Forschungszentrum für Natur- und Ingenieurwissenschaften. Dort ist er für fast 500 Mitarbeiter verantwortlich. Die Parallelen zwischen Beruf und Hobby sind augenscheinlich, denn beides erfordert ein grosses Mass an Genauigkeit. «Der Startschuss löst zwar eine chemische Reaktion aus», sagt Allenspach schmunzelnd, doch sonst hätten Beschleunigung und Geschwindigkeit viel mit Physik zu tun. In seiner rar gesäten Freizeit segelt er ab und zu auf dem Hallwilersee, liest Bücher oder geniesst die Zeit mit seiner Frau Andrea oder seinem Sohn Stephan.

Seine braunen Augen funkeln nicht nur im Gespräch über seine Familie, sondern auch, wenn es um seine Funktion als Starter geht. Neben Allenspach stehen bei den thurgauisch-schaffhausischen Meisterschaften in Frauenfeld zwei weitere Starter im Einsatz. Sie beobachten als sogenannte Rückstarter vor und hinter ihm den Start und schiessen bei einem allfälligen Frühstart zurück. «Sechs Augen sehen mehr als zwei», sagt Allenspach. Sein Ziel sei jedoch ein Ablauf ohne Stress. «Wir stehen im Dienst der Athleten», sagt er. Sobald der Startschuss gefallen und kein umgehender Rückschuss erfolgt ist, sei sein Job erledigt. Dann geniesst er die Zeit mit seinen alten LC-Freunden aus Frauenfeld.

Oh Thurgau, meine Heimat

Allenspach trägt den Thurgau im Herzen. «Es ist so etwas wie ein Heimkommen», sagt er über seine Rückkehr nach Frauenfeld. Obwohl er mit einer Zürcherin verheiratet ist, im Kanton Zürich wohnt und im Aargau arbeitet, ist er stolz, Thurgauer zu sein.

Als grosses Highlight steht im September Weltklasse Zürich auf dem Programm. Was danach kommt und wie lange er noch Rennen startet, weiss er nicht. Vom Alter her könnte er noch gut 20 Jahre als Funktionär tätig sein. Bevor er die Patronen aber endgültig aus seinem Revolver nimmt, ist ihm etwas besonders wichtig. «Ich höre erst auf, wenn ich Nachfolger für die Zukunft aufgebaut habe», sagt er und fährt in seinem Elektro-Sportwagen davon, der Allenspachs Charakter als zurückhaltender Typ überhaupt nicht gerecht wird. Denn damit zieht er die Blicke unweigerlich auf sich.