ENTWICKLUNG DER STUDIERENDENZAHLEN: Die grosse Fachhochschulfrage

In der Frage der künftigen Struktur der Fachhochschulen in der Ostschweiz sind sich die Kantone uneinig. Beim von St. Gallen favorisierten Modell befürchtet der Thurgau einen Verlust an Mitsprache.

Sebastian Keller
Drucken
Teilen
Fachhochschulzentrum neben dem Bahnhof St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Fachhochschulzentrum neben dem Bahnhof St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

In den nächsten Wochen startet für einige Thurgauer eine spannende Zeit. Sie beginnen ihr Studium. Gemäss provisorischen Zahlen tun dies 245 an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in St. Gallen (FHS). Sie wollen Architektin werden, Sozialarbeiter oder anderes. Politisch ist bezüglich Fachhochulen ebenfalls Spannung zu erwarten. Es geht um die zukünftige Struktur der Fachhochlandschaft Ostschweiz – und in dieser Frage sind sich die Kantone St. Gallen und Thurgau nicht einig. Anstoss für die Debatte kommt vom Bund. Er verlangt, dass bis Ende 2022 alle Hochschulen institutionell akkreditiert sein müssen. Sonst erhalten sie kein Geld mehr aus Bern und verlieren den Titel Hochschule.

Der Thurgau favorisiert eine Fusion von FHS und NTB

Klar ist: Die heutige Struktur funktioniert nicht mehr. Unter dem Dach der Fachhochschule Ostschweiz (FHO) sind derzeit vier selbstständige Schulen zu Hause. Die FHS St. Gallen, die NTB Buchs, die HSR Rapperswil und die HTW Chur. Jede Schule hat eine andere Trägerschaft. Der Thurgau etwa trägt die FHS St. Gallen mit, auch finanziell. Im Jahr 2016 mit drei Millionen Franken. Im Hochschulrat ist er mit 3 von 13 Sitzen vertreten.

Der Kanton Graubünden hat bereits angekündigt: Er will die HTW Chur alleine akkreditieren. Bleiben noch die drei Schulen. Vorbedingung: Für die NTB in Buchs wird angenommen, dass sie alleine als nicht akkreditierungsfähig gilt. Nun favorisiert der Kanton St. Gallen die Fusion der drei Fachhochschulen St. Gallen, Buchs und Rapperswil. Diese Variante wird auch durch ein ­externes Gutachten gestützt. Es gäbe noch ein Rektorat und einen Hochschulrat. Jeder Standort hätte einen Standortleiter. Der Kanton Thurgau bevorzugt ein anderes Modell. Das geht aus der Beantwortung einer Interpellation von Kantonsrat Stephan ­Tobler (SVP, Egnach) hervor. Nach dem Willen des Thurgaus sollen nur die Schulen in St. Gallen und Buchs zusammengehen, jene in Rapperswil soll eigen­ständig bleiben. Schwyz und ­Appenzell Innerrhoden vertreten ebenfalls diese Haltung. Der ­Regierungsrat begründet, das Hauptinteresse des Thurgaus liege am Schulstandort St. Gallen, und dieser würde durch einen Zusammenschluss mit der NTB Buchs «entscheidend gestärkt». Es ermögliche zudem eine «echte Mitsprache des Kantons Thurgau». Bei einer Fusion aller drei Schulen befürchtet der Thurgau einen Verlust an Macht: Bei diesem Modell stünden dem Thurgau maximal 2 von 15 Sitzen im Hochschulrat zu; St. Gallen 8.

Eine Rolle, welches Modell das Rennen macht, spielt der St. Galler Kantonsrat. Peter Hartmann (SP, Flawil) präsidiert die vorberatende Kommission. Welche Variante diese favorisiert, kann er noch nicht sagen. Aber: «Wir haben die Stellungnahmen aller beteiligten Kantone eingeholt.» Es handle sich um ein Geschäft mit Bedeutung für die gesamte Ostschweiz. Behandelt wird das Geschäft voraussichtlich in der Septembersession. Die St. Galler Legislative hat – entgegen dem Thurgauer – in dieser Frage ein Wörtchen mitzureden. Im Thurgau bietet einzig die Interpellation Tobler Gelegenheit zur Diskussion. Sie ist an der Grossratssitzung vom nächsten Mittwoch traktandiert.

FHS-Standort im Thurgau ist nicht ausgeschlossen

Die meisten Thurgauer Fachhochschulstudenten drücken in Winterthur die Schulbank: Über 1000 studieren an der ZHAW. An der FHS sind es rund 250 Studenten. Die Thurgauer Regierung schreibt, dass als Studienort häufig die am nächsten gelegene Fachhochschule gewählt werde. Dies sei – ausser für den Oberthurgau – in der Regel die ZHAW. Die zudem «fachlich breiter aufgestellt» sei. Doch die Regierung sieht auch für die FHS weiteres Potenzial, wie sie in der Antwort schreibt: «Die Ostschweizer Fachhochschulen können ihre Bedeutung für den Kanton Thurgau, seine Studierenden und seine Unternehmen zusätzlich erhöhen, indem sie zum Beispiel Standorte im Thurgau eröffnen.» Ausgeschlossen ist dies nicht. Konkrete Pläne gebe es noch nicht, sagt zwar Sebastian Wörwag, Rektor der FHS St. Gallen. «Doch wurde diese Option wiederholt als prüfenswert im Hochschulrat der FHS St. Gallen erwähnt.» Entsprechend konkrete Pläne und Optionen wären im Rahmen einer Strategieentwicklung der neuen Trägerschaft/Hochschule konkret auszuarbeiten. Kantonsrat Tobler würde dies begrüssen. «Wichtig erscheint mir vorerst, dass sich der Thurgau in dieser Frage mehr ­engagiert», sagt er. Denn: «In der Ostschweiz bekunden wir Mühe, wirtschaftlich attraktiv zu bleiben». Dazu spielen – Stichwort Fachkräftemangel – die Hochschulen eine wichtige Rolle. Seine Anliegen will er in der Grossratssitzung konkretisieren.