Elfen und Engel sprechen zu ihr

In ihrer Räucherstube nimmt Manuela Baumann Kontakt mit Wesen aus dem transzendenten Jenseits auf. Die Rauhnächte nach Heiligabend sind für solch uralte Rituale besonders beliebt. Ein Einblick in eine nicht alltägliche Welt mit Annina Flaig (Text) und Reto Martin (Fotos).

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Während des Rituals verteilt Manuela Baumann mit einem Fächer aus Kondorfedern den weissen Rauch im Raum. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Während des Rituals verteilt Manuela Baumann mit einem Fächer aus Kondorfedern den weissen Rauch im Raum. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

ROMANSHORN. In der Ecke hockt ein Kobold. Er sagt nichts, schaut nur zu, wie sich das weisse Räuchlein emporwindet. Der Geruch von Tanne liegt in der Luft. Es ist nicht der Christbaum, der brennt. Es ist getrocknetes Tannenharz. Für Manuela Baumann ist es mehr als das: «Es ist konzentriertes Sonnenlicht, das Wunden heilt.» Wer könnte das in dieser Zeit der kurzen Tage nicht besonders gut gebrauchen? Die Zeit der Rauhnächte nach Heiligabend ist denn auch beliebt für Räucherrituale. «Jetzt ist es Zeit, das alte Jahr abzuschliessen. Es ist Zeit aufzuräumen, innezuhalten und loszulassen, um den Neubeginn bewusst vorzubereiten und zu segnen», sagt die Bewahrerin von uralten Bräuchen.

Jede Tat bleibt im Raum hängen

Das gelbe Harz hat Baumann in einem Winterwald gesammelt und sorgfältig getrocknet. Jetzt liegt es auf einer brennenden Kohle und füllt den Raum mit Rauch. Dadurch soll er gereinigt werden. Dem Ritual liegt die Überzeugung zu Grunde, dass jeder Gedanke, jedes Wort und jede Tat im Raum hängenbleibt und von alleine nicht vergeht. Das Räuchern ist wie ein Putzmittel. Es reinigt die Räume von diesen Energien.

Wesen aus einer anderen Welt

Manuela Baumann hat sich in ihrer Wohnung im Zentrum von Romanshorn eine gemütliche Räucherstube eingerichtet. Die Sachen in warmen Naturtönen sind farblich aufeinander abgestimmt – bis auf ihre bunten Ringelsocken. Mit ihnen wandelt Baumann – die Schale mit der brennenden Kohle in der Hand – durch den Raum, über das Lamafell, das Ponyfell zu den Wolfsschwänzen. «Die Felle der Krafttiere geben mir Erdung», sagt die Vermittlerin zur Anderswelt, dem transzendenten Jenseits, das keiner so recht erklären kann. Von dort empfängt sie Botschaften. Baumann nimmt Kontakt zu Wesen der nicht alltäglichen Welt auf: Es sind Elfen, Engel oder Naturgeister. Das Wort Geist nimmt sie jedoch sorgsam in den Mund. Sie will nicht schubladisiert werden und betont: «Ich bin ein ganz normaler Mensch.»

Das Drachenblut steht bereit

Die Räucherzutaten liegen in kleinen Schalen bereit. Alantwurzel und Drachenblut steht da geschrieben. Es könnte einem mulmig zumute werden, wäre da nicht das herzliche Lachen von Manuela Baumann. Sie greift zu einer Kräutermischung mit Frauenmantel und räuchert sie auf einem Gitter über einer Kerze. Damit öffnet sie den Raum. Und wer es zulässt, ist eingeladen, mit ihr das kleine Volk zu empfangen: Dazu gehören tanzende Feen und ein freundlicher Zwerg. Wohl nicht jeder Beobachter, kann sie auf Anhieb wahrnehmen. «Ihr seid uralte Wesen. Ihr kennt alle Geschichten», sagt Baumann zu ihnen. In ihrem Gebet bittet sie um Liebe und Frieden für diese Welt.

Es wird heiss im Raum

Es gibt Menschen, die bei Manuela Baumann und ihren religiös spirituellen Ritualen Hilfe suchen. Ob schwere Krankheiten, Probleme in der Partnerschaft oder Familie, Trennungen, Missbrauch oder tiefer Schmerz über den Verlust eines Kindes. Es sind belastende Energien, die an Manuela Baumann herangetragen werden. Die 49-Jährige kennt sie alle. Ihre Vergangenheit ist bewegt. «Ich habe vieles durchlebt und geheilt und bin froh, dass die Energiewesen und die allumfängliche Liebe mir immer wieder Rat und Kraft geben», sagt sie. Durch ihre reiche Lebenserfahrung wirkt sie authentisch. In der Hand hält sie eine Rassel, welche ihre Worte während des Rituals rhythmisch begleitet. Obwohl nur drei Kerzen flackern, wird es heiss im Raum. Manuela Baumann legt ihren Schal ab. Sie atmet tief. Der Kobold hockt immer noch in der Ecke. Er heisst Max, und es scheint, als ob er grinst.

Mit ihrem Fächer aus Kondorfedern verteilt Baumann den Rauch. Spektakulär ist das nicht. Aber wer eine Sensation braucht, erhält sie. Baumann erinnert sich an einen Mann, der eine Räucherung skeptisch verfolgte und ständig darauf wartete, dass ein Wunder passiert. «Als ich fertig war, hat es auf einen Schlag gehagelt, und es gab einen Regenbogen.»

Kobold macht sich bemerkbar

Uralte Rituale zu pflegen und das Wissen dazu zu vermitteln, ist Baumanns Berufung. «Ich habe mir das nicht ausgesucht», sagt die gelernte Floristin, die in einem Blumenladen arbeitet. «Als ich gemerkt habe, dass es da noch eine andere Welt gibt, habe ich sie zu ignorieren versucht.» Es brauchte seine Zeit, bis sie sich darauf einlassen konnte. Auch die Stimme von Max, dem Kobold, hat sie anfangs nicht gehört. «Irgendwann war er plötzlich da.» Jetzt, da über ihn geredet wird, macht er sich bemerkbar. Manuela Baumann lauscht seiner Stimme. Es scheint, als ob über allem, was sie tut, ein Hauch des Unerklärlichen, Geheimnisvollen liegt.

Die Räucherzutaten liegen in kleinen Schalen bereit. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Räucherzutaten liegen in kleinen Schalen bereit. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Max der Kobold begleitet Manuela Baumann durchs Leben. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Max der Kobold begleitet Manuela Baumann durchs Leben. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Rassel unterstreicht das gesprochene Wort im Räucherritual. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

Die Rassel unterstreicht das gesprochene Wort im Räucherritual. (Bild: Reto Martin (Reto Martin))

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